Ein Tag vor dem Start

Die letzten Stunden sind angelaufen. Das Programm ist fertig gelocht, der JCN-2 nimmt die von mir gestanzten Lochkarten inzwischen an. Lilith und Sonnenschein haben die Rakete inzwischen vor der Skihütte platziert und selbst Pocket ist fündig geworden. Nervös wie er ist, bestand er aber darauf, die Lebenserhaltungssysteme noch einmal zu testen. Er bot sich sogar gleich selber als ‚Opfer‘ an. Da Passepartout auch heute noch gewisse Probleme mit dem Sitzen hat, und die Frauen sich weigerten, stimmten wir alle zu. Also nahm Pocket Platz, ließ sich verkabeln und allein vom Lebenserhaltungssystem versorgen. Das hat ihm so gut gefallen, dass er sich gleich die Klamotten vom Leib riss – also obenrum zumindest. Ob er damit die Frauen beeindrucken will oder Passepartout – ich weiß es nicht.

Die Systeme selber liefen übrigens einwandfrei, wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, können wir morgen schon starten. Das bedeutet für die Reisegruppe, das jeder kleine Opfer erbringen muss: Sonnenschein muss vorher lange mit dem Hund raus, weil ich nicht möchte, dass er die Rakete vollmacht. Lilith darf in den sechs Stunden, die wir angeschnallt in der Rakete vor dem Start verbringen nicht rauchen. Pocket darf sich nicht wieder entkleiden, da die Gefahr droht, dass er die Sauerstoffversorgung kappt. Und Passepartout muss leider auf seine Hämorrhoidenschaukel verzichten, weil ich nicht weiß, wie die sich beim Start verhält. Es wird Passepartout zwar etwas wehtun, mit gebrochenem Steiß mehrere G in seinen Sitz gepresst zu werden, aber da muss er dann durch. Immerhin hat er auch das Feuer im Schloss gelegt.

Mr.Pocket hat sich in der Rakete schon wieder halb entkleidet. Sehen Frauen in Laborklamotten eigentlich nicht auf der Stelle wie Männer aus? Hättet Ihr Lilith und Frau Sonnenschein wiedererkannt?

Der JCN-2

Die Spinnweben sind entfernt, das Blech der Rakete blitzt. Während die Frauen nun damit beschäftigt sind, die Rakete nach draußen zu befördern, ist Pocket weiterhin auf der Suche nach den Lebenserhaltungssystemen. Er meinte aber zuletzt, seine „Wünschelrute sei guter Dinge“ – was immer das jetzt bedeuten soll. Ich wollte lieber nicht nachfragen.

Endlich habe ich in einer Besenkammer den Rechner für den Start der Rakete entdeckt, zu unser aller Glück handelt es sich um die Bodenvariante eines JCN-2, das ist ein System, das noch in einer verballhornten Version von BASIC zu bedienen ist. Das Brudersystem ist in der Rakete eingebaut, das beruhigt mich, weil ich wenigstens weiß, was zu tun ist.

Jetzt suche ich mir erst mal einen Bürolocher und bearbeite die Lochkarten, die hier herumliegen. Das sollte doch ein Klacks sein! Wozu bin ich ein Genie?

10 PRINT „Hallo, liebe Weltraumfahrer!“
20 PRINT „Gleich geht’s los, nur noch zehn Sekunden!“
30 FOR n=10 TO 0
40 PRINT n,“ – “
50 NEXT
60 PRINT „IGNITION!“
70 GOTO 80
80 Space

Der hochmoderne Computer für das Leitsystem der Rakete. Er beherrscht das kleine Ein-mal-eins aus dem Effeff und kann zwölf Rechnungen in einer Minute durchführen. Das sollte zum Abzählen des Countdown reichen.

Der Raketensilo

Wie ich gestern schon berichtete, habe ich unter der Skihütte einen alten Raketensilo entdeckt. Die nächsten Tage werden wir damit verbringen müssen, alles für unsere Flucht in den Weltraum vorzubereiten. Dahin wird uns der Vampirmutant sicher nicht folgen können. Die technischen Anlagen sind in einem desolaten Zustand. Lilith ist zurzeit von einem Putzwahn befallen und kann diesen gleich sinnvoll einsetzen, um die Spinnweben entfernen, die wir den 18 Jahren Kapitalismus in diesem schönen Land zu verdanken haben. MissQuijote ist solange mit der Beschaffung von Nahrungsmitteln beauftragt – wir brauchen jetzt jede Kalorie, die wir bekommen können – und Frau Sonnenschein muss mit dem Hund raus.

Danach werden die drei Ladys die Rakete wohl per Hand nach draußen befördern müssen, weil die Öffnungsklappen des Silos total rott sind. Pocket und ich als die einzigen technisch Versierten unseres Teams – immerhin sind wir Männer – werden uns um die Computer und Lebenserhaltungssysteme zu kümmern haben – sobald wir sie gefunden haben.

Ja, ich spüre, es geht aufwärts, es mag ein kleiner Schritt für die Geschichte sein, aber es ist ein großer Schritt für meinen Blog.

Hier drin steckt sie nun: unsere Rakete.

Die Ablenkung

Heute war ein großer Tag! Dank meines famosen Plans ist es uns gelungen, den Grafen vorläufig abzulenken. Es lief alles wie am Schnürchen. Der nackte Pocket und Sonnenschein haben Lilith in der Skihütte eingesperrt, damit sie dem Grafen nicht wieder irgendwelche Zeichen geben kann. MissQuijote hat sich in den Wäldern versteckt, weil sie hoffte, auch noch mit den desolaten federlosen Pfeilen nach dem Grafen schießen zu können. Passepartout hat sich seine Skier angeschnallt und ich habe den Ausguck bezogen.

Endlich kam der Graf mit seinem geflügelten Auto angeschnurrt. Das war der Moment für Passepartout. Der war nämlich einst ein gefeierter Trickskifahrer, der bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo manche Goldmedaille geholt hat. Also fuhr mein Diener, als der Graf ankam, auf seinen Skiern los und führte just in dem Moment, in dem der Graf über unserer Hütte kreiste, seine allseits gefürchtete, dreifach gedrechselte Todes-Arschbombe vor! Ihr alle erinnert Euch vielleicht jetzt daran, dass er sie erst ein einziges Mal vor 12 Jahren vorgeführt hat. Sein Trainer kann heute noch immer keine feste Nahrung zu sich nehmen. Daher ist Passepartout ja auch Butler geworden – um seine Schmach zu sühnen. Der Graf war übrigens von der Arschbombe so angelenkt, dass er mit seinem gefügelten Auto in den nächsten Berg rauschte.

Natürlich wird der Graf als Vampirmutant auch diese Explosion überlebt haben, aber wir haben Zeit gewonnen. Ich treffe alle Vorbereitungen, dass wir bald hier verschwinden können. Zum Glück habe ich entdeckt, dass unter der Skihütte ein altes Raketensilo ist – mit funktionstüchtiger Rakete!

Aber jetzt wird erst mal ordentlich gefeiert, oder wie ich kurz vor Beginn unserer Reise eine Horde Kieler Studenten sagen hörte: „Appress-Schi“ gemacht (so ausgesprochen, mit deutlicher Überbetonung des A).

Passepartouts gefürchtete Todes-Arschbombe. Nicht hingucken! Sie lenkt nur ab!

Entscheidungen von Versammlungen

Eben die Vergemeinschaftlichung der gewöhnlichen Eigenschaften erklärt uns, warum die Massen niemals Handlungen ausführen können, die eine besondere Intelligenz beanspruchen. Die Entscheidungen von allgemeinem Interesse, die von einer Versammlung hervorragender, aber verschiedenartiger Leute getroffen werden, sind jenen, welche eine Versammlung von Dummköpfen treffen würde, nicht merklich überlegen. Sie können in der Tat nur die mittelmäßigen Allerweltseigenschaften vergemeinschaftlichen. Die Masse nimmt nicht den Geist, sondern die Mittelmäßigkeit in sich auf.

Gustave Le Bon

Der Graf, das Auto, die Flügel und die Hütte

Heute war ein entsetzlicher Tag. Ich fürchte, der Graf hat uns entdeckt. Ein dunkles Auto, mit Flügeln versehen, flog stundenlang im Tiefflug um unsere Skihütte herum und störte mich mit ohrenbetäubendem Lärm beim Fernsehen. Ob es daran lag, dass Lilith ewig draußen im Schnee Topfschlagen gespielt hat, oder ob ein Unbeteiligter uns verraten hat – wir wissen es nicht. Das Misstrauen untereinander hat jedenfalls neue Ausmaße erreicht. Das äußert sich sogar in kleinen Nickeligkeiten. Frau Sonnenschein hat MissQuijote zum Beispiel die Federn an allen Pfeilen abgeschnitten. Sie bestreitet das natürlich, aber MisterPocket, der hier nur nackt herumläuft, hat sie dabei beobachtet. Andererseits könnte es natürlich sein, dass MisterPocket mit dem Grafen unter einer Decke steckt, uns anlügt und ICH in Wirklichkeit derjenige gewesen bin, der die Federn abgeschnitten hat. Oder Passepartout, dessen Identität als japanischer Doppelagent inzwischen naheliegt, hat Lilith seine Strickliesel geschenkt, damit sie die Federn abkaut. Oder MissQuijote hat die Federn selber abgeschnitten und will mich glauben machen, dass ich denke, ich war es, weil ich befürchte, MisterPocket lügt mich an.

ICH WERDE VERWIRRT! Ein Königreich für einen Lügendetektor! Wenn wir doch nur den Grafen ablenken könnte … DIE IDEE! Ich habe einen Plan. Und da ich es liebe, wenn Pläne funktionieren, werden wir, das heißt in diesem Falle Passepartout, den Plan morgen ausführen. Damit sollte es uns gelingen, eine kleine Verschnaufpause von dem gewiss scheußlich missgestalteten Vampirmutanten zu bekommen. Aber bis wir den Plan ausführen können, müssen wir noch warten. Dieses ewige Warten – es nagt an unseren Nerven!

Mit seinem geflügelten Auto saust der Graf nahezu den ganzen Tag um unsere Skihütte herum.

Na, Pocket, wie schmeckt Dir das?

Eigentlich bin ich ja zurzeit vollauf damit beschäftigt, einen berühmten amerikanischen Künstler davon zu überzeugen, für die Siegerehrung Ende des Monats die Hymne für den Leg Contest für uns einzusingen. Dazu muss ich beinah täglich über den großen Teich jetten. Doch was muss ich da plötzlich sehen? Nicht allein Andi gibt mit Stiefelbildern an, nein, jetzt wirft mir auch MisterPocket den Fehdestiefel ins Gesicht. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und habe die Stewardess in meinem Privatjet gebeten, alles so vorzubereiten, dass ich auf die Schnelle ein adäquates Bild herstellen kann. Ich möchte allerdings betonen, dass es mir widerstrebt, meine hübschen Beine während des Contests bedeckt zu zeigen, weil ich fürchte, dass das meine Chancen mindert.

Original:

Fast besser als das Original:

Oh, gerade geht das Telefon – was sagen Sie? Tom ist ernsthaft interessiert? Ja, ich freue mich, ich komme heute noch in seiner Villa vorbei.