Träumerle

Neulich war mir ein Spaziergang durch die Vergangenheit vergönnt. Auf dem Weg nach Hause kam ich an mehreren Stellen vorbei, die durch intensive Gerüche geprägt waren.

Das erste traf mich an einem Grundstück, wo vor wenigen Tagen der Abriss eines Hauses begonnen hatte.

Noch bevor ich es bewusst wahrnahm, drang der Geruch der Erde in meine Nase. Diese sehr typische Mischung, die ich von Stadtausgrabungen so gut kannte, erinnerte mich an süße Zeiten. Es roch locker humos, auffallend trocken, weil es zu wenig geregnet hatte. Allein mit der Nase konnte ich sagen, wie viel Sand im Boden war, wie viel Schluff, wie viel Ziegelschutt. Denn an so einer Stelle ist der Geruch anders als beispielsweise bei mittelalterlichen Stadtschichten, die viel matschiger riechen, viel saftiger und mild faulig. Und auch auf einem Acker riecht der Krumen anders: richtiggehend sättigend-sandig, oft mit einem Hauch Steinsplitter vermengt, viel frischer und weniger abgestanden als in der Stadt, ja geradezu fein für die Nase, aber auch trocknend.

Ich lief weiter und gelangte befriedigt über meine Gedanken und Erinnerungen in ein Gewerbegebiet. Ich konnte nicht ahnen, dass die Erinnerungen schon bald in noch angenehmere Gefilde zu ziehen beabsichtigten.

Ich näherte mich einem Betrieb, der einen für mich besonders süßen Geruch verströmte. Wieder roch ich erst, bevor ich die eigentliche Quelle wahrnahm. Ein olfaktorisches Feuerwerk aus Frischharzgeruch, eine frische Luft wie voller feinster Späne erinnerte mich an die Schreinerei meines Großvaters. Hier hatte ich als Kind immer gespielt, hier durfte ich mich bereits im Kindergartenalter an Werkzeugen ausprobieren, die man manchem Erwachsenen nicht in die Hand gab. Hier hatte ich in nahezu alles, was aus Zellulose und dicker als ein Blatt Papier war, Nägel getrieben, was mir erstaunliche Fähigkeiten verschaffte: Bei einem Sommerfest meiner Grundschule gab es beispielsweise in einem Jahr einen Holzbalken, in den die Kinder Nägel hineinschlagen sollten. Weil ich dank meinem Training jeden Nagel bereits mit einem einzigen Schlag ins Holz beförderte, wurde ich schnell disqualifiziert.

O selige Kindheit mit deinen wundervollen Zeitvertreiben und albernen Problemen!

Ein Blick riss mich zurück in die Gegenwart. Ich sah, woher der süße Duft kam: Der Betrieb hatte seinen Hof mit hunderten von neuen, leeren Holzpaletten vollstehen. Ich ging weiter, war schon kurz vorm Bahnhof, da kroch die nächste Erinnerung in meine Nase. Denn kurz vor dem Bahnhof scheint es ein kanalisatorisches Problem zu geben. Wiederholt hatte ich bemerkt, dass es hier nach Abfluss, nach Fäkalien riecht. Da nun in meinen Gedanken Bilder meines Opas spukten, vermengte ich diesen Geruch erstmals mit der Sickergrube am Ferienhaus meines Opas, insbesondere mit der Leerung der Grube. Und wieder poppten Bilder vor meinem geistigen Auge auf: Nahe der Sickergrube wuchs eine Stockrose, wir hatten da Johannisbeerbüsche, aus deren Beeren wir jedes Jahr Marmelade kochten – erst später machte meine Mutter eher Aufgesetzten daraus. Ach, wie fein hatte ich hier gespielt, und wie schnell war ich in Gedanken in dem Garten, in dem ein Apfelbaum stand, der ein so guter Kletterbaum war, dass meine Oma ihn mir „geschenkt“ hatte. Dieser Baum war aufgrund seiner Form ein Piratenschiff für mich, richtig mit Deck, Masten und Ausguck. Wie viele Stunden habe ich im Wind wiegend in diesem Ausguck verbracht mit nichts anderem beschäftigt als der Suche nach anderen Segeln …

Aber da stand ich schon im Bahnhof und wartete auf meine S-Bahn.

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32 Gedanken zu “Träumerle

  1. Ich bin begeistert, wie Du die Gerüche Deiner Umwelt aufnimmst. Irgendwie erinnert mich das etwas an das Buch, bzw. den Film „Das Parfüm“

    Schön geschrieben

    1. Tja, für irgendwas muss der Zinken ja gut sein. „Das Parfüm“ hab ich übrigens nur als Film konsumiert und fand insbesondere den Schluss strunzendumm, zur Entschädigung gab es wenigstens vorher einige sehr gute Szenen.
      Wobei die Beobachtung, was solche Eindrücke bewirken, auch nicht erst von Süßkind gemacht wurden; gemeinhin gilt da Proust als der König auf diesem Bereich – er hat nur einfach schnarchlangweilig geschrieben.
      Besonders interessant ist bei den Gerüchen, dass das Deutsche (und ich glaube sogar, das Problem betrifft alle indoeuropäischen Sprachen) keine eigene Ausdrücke für Gerüche hat. Es sind Reize, die wir nicht adäquat benennen können. Ganz so, wie es in manchen Sprachen keine Wörter für einzelne Grundfarben gibt. Genau deshalb hab ich solche Beschreibungsversuche früher etwas trainiert, was mich gerade auf eine Idee bringt … 😉

      Danke! 🙂

      1. obwohl der schluss im film und im buch der gleiche ist, fand ich ihn im buch nicht halb so blöde wie im film. das buch hatte ich vorher gelesen (und in der 13. klasse vorgestellt und eine 1+ gekriegt, ich schlaumeier! ;D). woran diese unterschiedliche wahrnehmung liegt, frage ich mich heute noch.

        1. Gute Frage. Vermutlich liegt’s daran, dass bestimmte Sachen in einem Medium einfach nicht funktionieren. Im Film wirkt’s also lächerlich, im Buch lässt man sich vielleicht eher auf die Szene ein.

          1. so wird es sein. zwar stelle ich mir beim lesen meist auch alles bildlich vor, aber es dann so richtig zu sehen, interpretiert von einem anderen…das war einfach blöde.

  2. SO toll geschrieben, Totte. Ich hab das richtig verschlungen … 🙂

    Auch in mir kommen immer wieder Erinnerungen an meine Kindheit hoch, wenn ich bestimmte Gerüche in die Nase bekomme. Ich liebe das.

    1. Danke, eigentlich hatte ich mir in der Bahn nur drei, vier Sätze skizziert, die meine Empfindungen betrafen. Der Rest ist erst beim Schreiben entstanden.

      Eben, ein weit verbreitetes Phänomen.

    1. Aufgesetzter ist Schnappes mit Beeren oder Früchten und viiiiiiel Kandis. Das bleibt ne Zeitlang stehen und hinterher schmeckt es obskur. Mir zumindest, andere Menschen mögen es.

      1. ah ja … dat kenn ick auch … mit schwarzen Johannisbeeren … hieß bei uns aber LIKÖR ;D …
        obskur … hahaaa … ja .. dat ist ein treffend bezeichnender Ausdruck dafür :))

  3. Wirklich schön.

    Da fällt mir ein, dass ich im Übungsraum früher immer diesen typischen Kellerhauch gerochen habe, der mich an das Häuschen meiner Großeltern erinnert hat, wo im Keller Eingemachtes in langen Regalen stand, Mettwurst unter der Decke hing und eine Kiste Bier für Opas Abendbrotpüllchen stand. Das Bier habe ich immer raufgeholt, wenn ich in den Ferien dort war. Meine Oma stellte ein Schnapsglas von dem Bier auf die Heizung, und zum Ende des Abendbrots kriegte ich das zu trinken, damit ich gut schlief. Komischerweise mochte ich das. – Heute kann man mich damit um den Block jagen!

    1. Besonders fein finde ich dabei diese Kette an Erinnerungen, die losgemacht wird: Man denkt durch einen Geruch nicht einfach nur an ein Bild, eine Szene, sondern die Gedanken folgen gleich einem ganzen Leporello an Erinnerungen, die um diesen Geruch herumgesponnen sind. 🙂

  4. WAS für ein herrlicher Eintrag! 🙂 Bei Sickergrube bin ich gedanklich auch sofort bei meinen Großeltern und dem Plumpsklo übern Hof. ABER auch bei den wundervollen Kuchen meiner Oma aus dem Steinbackofen – Streuselkuchen und Pflaumenkuchen. Gab es jeden Spätsommer, meine gesamte Kindheit hindurch. Pflaumenkuchenfest hieß es dann und die große Famile kam zusammen. Der ganze Hof roch nach leckerem Kuchen, Zimtgeruch hing in der Luft, denn die Streuseln wurden aus Butter, Mehl, Zucker und Zimmt gezaubert. So viele Jahre gibt es schon kein Pflaumenkuchenfest mehr, leider, der Geruch wird mich hoffentlich den Rest meines Lebens begleiten.

    Danke, Totte, für ein Stück Kindheit an diesem Tage!

  5. Schön! Schöner Eintrag, schön geschrieben, schöne Erinnerungen! Gerüche sind auch bei mir wie eine Schleuder die mich in die Kindheit zappadauzen, manchmal kommen bekannte und wohlige Erinnerungen hoch, manchmal total vergessene, beides aber mit ungeheurer Wucht.

      1. Nein, gar nicht mal. Ein sehr wichtiger Geruch ist auch bei mir Holz, weil wir als Kinder immer nim Holzlager einer Schreinerei gespielt haben. Verbotenerweise, versteht sich :>>

        1. Aaah, gut, dann weißt Du ja genau, was ich meine … Habt Ihr da in dem Sägespänelager gespielt? DAS ist lustig. Und riecht gut. Man sieht hinterher nur etwas zerzauselt aus.

  6. Wunderschön beschrieben Totte.
    Selbst wenn ich Rhetorisch und Grammatisch mit Dir auf gleicher höher wehre, könnte ich die Gerüche niemals so schon niederschreiben wie Du. Zum einem habe ich seit der Kindheit fast chronisch Probleme mit den Nebenhöllen und zum andrem bin ich wie du weist ein starker Raucher.
    Und Körschken sagt: „solange man lebt, soll man auch rauchen“ :))
    In meiner Branche ist es aber nicht unbedingt vom Nachteil schlechten Geruchssinn zu haben.
    Ich verbinde dafür immer Musik mit meinen Erinnerungen.
    Z.B. jedes mal wenn ich Iron Maiden höre, fühle ich mich versetzt in die zeit wo ich als junger Teenie jeden Abend mit meinem Grundig Mono-Kassettenrekorder unter dem Kopf bis tief in die Nacht diese gehört hatte.

    War das Erdnussdöschen von den Vities, der Auslöser für diesen Eintrag?

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