Der andere

Ich kann gar nicht genau sagen, wann genau es damit angefangen hat. Aber seit ein paar Tagen verhält sich mein Schatten komisch. Er läuft mir anders hinterher. Es ist fast, als würde er sich vor mir verstecken. Meist sehe ich ihn nur aus dem Augenwinkel. Dreh ich mich zu ihm um, verschwindet er. Hinter Ecken, hinter Möbel. Das darf man sich nicht wie einen plötzlichen Sprung vorstellen. Es ist eher ein schnelles Gleiten, ein Hinüberfliehen. Er … er zerfließt beinah mit einer geradewegs abenteuerlichen Geschwindigkeit und ist dann weg. Einfach weg, obwohl ich vorher noch deutlich im Gesichtsfeld erkennen kann, dass er da ist.

Er bewegt sich auch seltsam: Laufe ich, dann folgt er mir mit spitzen, nahezu bösartigen Schritten. Es ist ganz so, als schliche er mir nach.

Zwischendurch, besonders wenn ich stehe oder sitze, glaube ich ihn dabei beobachten zu können, wie er sich am ganzen Körper diebisch schüttelt, ganz so, als lachte er mich aus. Drehe ich mich zu ihm – verschwindet er wieder in seiner unangenehm ruhigen Bewegung und verharrt still hinter seiner gespenstischen Deckung.

Einmal hatte ich eine besonders schlimme Erscheinung. Es sah an meinem Schatten aus, als hielte er ein Messer in seiner Rechten. So ein großes Schlachtermesser. Erst hatte ich es gar nicht wahrgenommen. Aber als ich es als solches erkannte – wieder aus dem Augenwinkel natürlich –, bekam ich es mit der Angst! Er machte nämlich mit der Hand, in der er das Messer trug, schnelle, hastige Stichbewegungen. Genau in meine Richtung. Ja, ich glaube, dass mein Schatten versucht hat, mich umzubringen!

Als ich vor Schreck zu ihm schaute, verschwand das Schattenmesser natürlich zusammen mit ihm.

Er ist teuflisch. Ich habe Angst, ihn zu sehen. Und ich habe noch mehr Angst, ihn nicht zu sehen.

Seit 10 Tagen hab ich kein Auge mehr zugemacht. Dauernd blicke ich mich um – steht er jetzt hier? Hockt er etwa da?

Dadurch dass ich mich permanent beobachtet fühle, bleibt mir auch keine Möglichkeit, mich der Umwelt mitzuteilen. Diese spärlichen Notizen hier kritzle ich seit Tagen auf einzelne Schmierzettel, die ich in der Wohnung verstecke, wenn ich mich von ihm unbeobachtet fühle. Immer nur kleine Satzfetzen kann ich notieren. Meist in einem langen Ärmel oder blind unter der Decke, während ich Ausschau halte nach ihm.

Wenn er mich nicht töten will, dann will er mich zumindest in den Wahnsinn treiben. Und ich glaube, das wird ihm schon bald gelingen, diesem Dämon …

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198 Gedanken zu “Der andere

          1. Scheint ja ganz schön schmuddelig zu sein in deinem „Totte Mansion“. Kein Wunder, Passepartout juckt sich ja auch mehr an seiner Gurke, als dass er mal die Hütte auf Vordermann bringt.

          2. Doch. Nach dem indischen Essen bin ich ins Fresskoma gefallen, musste mich dann aber erst mal wieder zum Schneeschaufeln aufraffen. Aber jetzt gleich werde ich mir wieder einen reindrücken. ;D

          3. Kappespfanne … das Rezept haste mir mal gegeben, aber ich habs bis heute nicht nachgekocht.
            Für heute und morgen ist noch nix geplant, aber ich hab Lust auf ne Hühnersuppe mit viiieeel Blumenkohl und Porree, leider mag 007 sowas nicht. 😉

          4. Tz! Frag DU mich noch mal nach nem Rezept! :>
            Heute hatte ich Hotdogs, morgen mach ich mir was Asiatisches oder Bohnen mit Schinkenspeck. Mal gucken.

          1. Ne, ich meinte Ketchup. Wobei aber süß/sauer meine liebste Geschmacksrichtung ist. Und ich mag auch salzig/süß. Haste schon mal ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade gegessen? 🙂

          1. Dann kenne ich also nur den bösen Zwilling, dich! Aha! Gut! *während des bösen zwillings aufenthalt in m-town nach e-town fahre und den guten zwilling befreie* ;D

          2. Ich war auf deinem Dachboden gestern und hab deinen Zwilling befreit. Du glaubst gar nicht WIE froh und dankbar er war. Heute geht er übrigens mit Viti, dem Türken und dem Zellhaufen einen saufen. 😀

          3. Dann scheint es ihm gut zu gehen. Aber weißte, dass ich sowas echt scheiße finde? Kaum hat jemand ne neue Beziehung, ZACK, verschwindet er von der Bildfläche.

  1. Du kannst beruhigt schlafen – im Dunkeln unter der Decke, dahin folgt er dir nicht. Versprochen! Der Schatten hat Angst vor der Dunkelheit, die tötet ihn. :yes: Und jetzt schlaf schön. 😉

    Wundervolle Geschichte!

    1. Weiß ich das? Vielleicht macht er das Licht an, während ich schlafe? Neulich bin ich z. B. nach einer Zechnacht morgens um 6 aufgewacht und das Licht an meinem Bett war eingeschaltet. Wie kann das sein?

          1. Ich versuche mir gerade die Funktion vorzustellen, die du mitten am Feld im Flutlicht ausüben könntest. Mir fällt aber beim besten Willen keine ein – es sei denn, sie hätten dich als Pausenfüller eingesetzt …

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