Baby in Rosmarin

Ich war ja letzte Woche, wie vermutlich wieder keiner mitgekriegt hat, auf der Buch Wien 2010. Da hab ich verschiedenes machen müssen und auch manches gelernt.

Zum Beispiel, dass Leute, die zu spät kommen, vom Leben bestraft werden. Dass sie aber zugleich auch nicht jonglieren müssen. Deshalb durfte ich mir auch eine Ausstellung von einem Künstlerpärchen namens Albert und Tina angucken, die sich der Einfachheit halber Albertina nennen. Nach der Ausstellung hab ich gleich mal getestet, wie firm die Wiener Polizei in der Geografie, genauer: in der Straßenkunde ist. Tja, kann ich nur sagen, durchgefallen. Die Ruprechtskirche ist nämlich am Ruprechtsplatz. Und der ist da vorn geradeaus bis zum Schwedenplatz, dann links und dann kommt der Platz nach hundert Metern nämlich schon. Sowas muss man doch wohl auf einem Stadtplan finden können, wenn die App schon versagt, oder?

Wie dem auch sei. Den Frust angesichts dieses kläglichen Ergebnisses der öffentlich Angestellten musste ich zunächst mit feinstem Champagner im Moulin Rouge wegtrinken. Leider reichte das Begrüßungsgeld, das mir bei der Ankunft in Wien ausgehändigt wurde, nur für drei Tropfen des edlen Gebräus. Deshalb hab ich das restliche Geld im Kasino verspielt, in der Hoffnung, meine Ersparnisse etwas aufzubessern.

Mein Glück reichte nicht, ich war die folgenden Tage gezwungen, meinen Urlaub mit Messejobs zu finanzieren. Da konnte ich mit Ratte, Charme und Leseprobe so manchen Besucher davon überzeugen, sich Bücher zu kaufen. Gut, manche Besucher konnten eine Ratte nicht von einer Maus und eine Maus nicht von einem Opossum unterscheiden, aber dafür hab ich ihnen zur Strafe Schweinereien in ihr Buch gekritzelt.

Natürlich reichte mir das nicht. Also ging ich dazu über, verfeindete Messestände zu kapern und zu übernehmen. Die Hostessen hab ich einfach für ein paar Tassen Kaffee an Zigeuner verkauft.

Aber auch das reichte nicht für ein adäquates Auskommen, ich musste mich auch noch auf der Bühne verdingen. Dabei war ich so gut, dass ich ein Feedback der besonderen Art erhielt.

So verdiente ich mir also den Besuch des Messerestaurants, das täglich mit komplett unterschiedlichen Tagesmenüs glänzte: Asia-Wok mit Huhn, Asia-Wok mit Schwein, Asia-Wok mit Blauwal und Asia-Wok mit Marsschlumpffleisch.

So gut wie niemand weiß, dass ich bereits mit zwei Titeln bei Amazon gelistet bin. Gleichwohl halten wir Autoren zusammen wie Pech und das gelbe Zeug, das immer so stinkt wie die Brunnen auf Island. Deshalb hab ich natürlich stante pede eingegriffen, als das Sonnenkind versucht hat, Ken Follet, den Helden meiner verschlafenen Nächte, mit seinem vorletzten Machwerk würfig zu attackieren.

Zur Belohnung – und vermutlich, weil meine Klamotten bereits von Nagetieren angeknabbert waren – wurde ich des Abends zu ausgiebigen Fressorgien geladen. Ja, wer es nicht erlebt hat, wird mir kaum glauben, dass ich an einem durchgebogenen Tisch voller Sushis saß, die der Menge glichen, von der die Einwohner Okinawas 1,5 Monate leben. Auch das XXXXXXXXXXXXL-Surschnitzel, an dem ich mitknabbern durfte, war so legendär groß, dass Ihr mir nicht glauben werdet, dass die Festmahlteilnehmer es aufblasen und eine Zeit lang als Hüpfburg nutzen konnten (Die Schuhe mussten wir natürlich ausziehen). Durch diese Orgien lag ich lange Zeit in einem derartigen Fresskoma, dass ich den morgendlichen Stau kaum wahrgenommen habe.

Erst wenn es darum ging, dem Knuffibuchreflex* mit einem Ausfallschritt nachzukommen, war ich wach. In diesem Zustand konnte ich sogar beobachten, wie ein stadtbekannter österreichischer Schriftsteller namens Albert K. potenzielle Dan-Brown-Buch-Käufer erfolgreich von der Güte eigener Werke überzeugen konnte.

* So wird in der ethnografischen Psychologie der Reflex bezeichnet, der eintritt, sobald Eltern oder einzelne Elternteile oder Großeltern zusammen mit einem Kind auf dem Arm, im Kinderwagen oder in laufender Fortbewegungsweise entdeckt und auf der Stelle mit einer Leseprobe des sogenannten Knuffibuchs belästigt werden (O-Ton „Hast Du schon das Knuffibuch? Nein? Bitte, für dich. Und für die große Schwester haben wir spannende Thrillerleseproben.“).

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16 Gedanken zu “Baby in Rosmarin

  1. Da gibt es auch Begrüßungsgeld??? Ich hab das noch nie bekommen. Im Gegenteil, ich musste noch die schmutzigen Bedürfnisse der ÖBB Kontrolleure befriedigen, um überhaupt nach Wien zu kommen!

      1. So viel Aufwand? DAFÜR!?! Nö, nie, da denk ich gar nicht dran. Und erst die Umweltbelastung… ;D

        Das Ding wird vertickert. Jeder Cent wird freudig aufgenommen. Dann darf sich noch jemand anders daran ER-FREU-EN!!! :>

        1. Dann vergiss aber nicht die Umweltbelastung, wenn es weiter irgendwo rumsteht. Und die Gefahr, die besteht, dass irgendjemand darin blättert oder – Albert möge es verhüten! – darin liest!

          Nein, warte … Du … Du … willst es verkaufen? Ja bist Du von Sinnen?

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