Der Galgenstrick

Stumm reitet der Galgenstrick nach Sausalito. Wenn man von seiner Schindmähre absieht, hat er nichts mehr zu verlieren. Er steht allein für sich, ohne jede Verpflichtung. Frei ist er und doch gefangen. Gefangen in der Welt der Möglichkeiten. Gefangen im Gefängnis der Freiheit. Alles zu können, das weiß er, heißt nicht, dass man alles kann.

Im Schritt trottet die Schindmähre. Der Kopf tanzt ab und auf. Schläft der Galgenstrick sogar? Seine Augen jedenfalls sind geschlossen, der Kopf schaukelt nach vorn. Seine Unterlippe, die trägt er vorgeschoben. Ist sein Hut ins Gesicht gezogen? Nein, eigentlich nicht, er sitzt normal. Der Trenchcoat, den er trägt, stiert vor Schmier, flattert mit seinen Flügeln aber sanft im Wind. Schwach nur ist der Laut der Hufe zu hören. Sähe man das müde Duo nicht, könnte man das Geräusch nicht identifizieren. Auch das spröde Leder knirscht nur gering.

Die Abendsonne sticht auffallend und frisst sich fort in die gegerbte Haut. Was man riechen könnte, stünde man bei dem Galgenstrick, riefe vermutlich nach einem Waschzuber im Stall. Dort säße er, nackt, die Knie aus dem heißen Wasser ragend wie Vulkankegel im Ozean, hielte einen Seifenblock in den Händen und wüsche sich genüsslich die Erinnerung an die letzten Wochen vom Körper. Der Bart kratzte natürlich, denn zum Barbier ginge er erst nach dem Bad.

In Träume versunken ist unser Galgenstrick. In Träume nach rosiger Haut, duftend, weich. Nach Genuss und Lust.

Davon ist er aber noch weit ab auf seinem Pferd. Heute wird er sein Ziel wohl nicht mehr erreichen. Er wird – und das dauert kaum noch lang – einen Platz an einem vertrockneten Busch suchen. Hier wird er absteigen, den Sattelriemen lösen und das Tier versorgen. Ihm Wasser geben. Er wird trockenes Holz suchen, es aufwerfen und entfachen. Er wird eine kleine schwere Pfanne drauflege und den Inhalt einer Dose hineinkippen. Warm werden die Bohnen in den knisternden Flammenzungen, während er sich aus einer schlichten Decke und dem Sattel schweigend ein Lager richtet. Fliegen surren seidig durch das trübe Licht. Die Mähre schnauft.

Aber noch ist unser Galgenstrick nicht so weit. Vielleicht wird er auch nicht so weit kommen. Vielleicht streben ihm in der Dämmerung drei Gestalten entgegen. Vielleicht sind sie bewaffnet und suchen ein Opfer. Vielleicht suchen sie ihn und nur ihn. Vielleicht schießen sich die vier nach einem furiosen Zusammenstoß. Vielleicht kann er sich seiner Haut erwehren.

Aber vielleicht sind die anderen drei auch besser und töten ihn. Schleppen den grauen Körper direkt nach Sausalito. Zum Sheriff und kassieren die Belohnung für den toten Galgenstrick.

Dann, ja dann würden wir nie erfahren, wer er war. Wie er lebte. Und wo die Reichtümer verborgen sind, die er in seinem Leben gesammelt hat. Ja, wir erführen nicht einmal, um welche Reichtümer genau es sich handelt.

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6 Gedanken zu “Der Galgenstrick

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