Glaubt es einfach. Es stimmt.

Ihr habt vielleicht einen Blogfreund, Leutchen. Eben – wegen Renovierungsarbeiten musste ich das Büro eine Stunde eher verlassen – brachte ich mit zwei Kollegen noch Unterlagen zu einem Kunden. Da haben wir ein paar Minuten gequatscht, bevor ich losgegangen bin, um meine Bahn zu kriegen.

Auf dem Weg zur Bahn muss ich durch zwei recht ruhige Straßen gehen, in denen sonst nicht viel los ist, wenn man mal von der Baustelle absieht, an der neulich bullenlaut Doris Day sang (Bauarbeiter sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren, oder es war der Typ von den Village People da, keine Ahnung).

In diesem stillen Gässchen voller Ein- und Zweifamilienhäuschen kam mir im auffallend langsamen Schritttempo ein Wagen von den Cops entgegen. Ich wunderte mich schon, bekam fast ein schlechtes Gewissen, weil ich so schnell ging, um auch ja meine Bahn zu erwischen. Ich latsche die Straße weiter runter, gelange an die Einmündung zur zweiten Straße, da kommen mir plötzlich zwei Typen entgegengerannt. Hinterher: ein rasender Bullenwagen. Ich sehe, wie der Bullenwagen versucht, einem der beiden den Weg auf dem Bürgersteig abzuschneiden, und bevor ich mich versehe, hab ich den Kerl schon umklammert und halte ihn für den auffallend korpulenten Sheriff fest. Der Typ ist ein wenig außer Atem, leistet keinen Widerstand. Er hat gemerkt, dass er durch mich schon zu viel Vorsprung verloren hat, um wegzukommen.

Der andere Typ ist um eine Ecke gelaufen, während der Bullizist mir meinen Berufsverbrecher abnimmt und ihm die Handschellen anlegt. Er flötet nur kurz „Danke!“, da kommt auch schon ein zweiter Streifenwagen mit einer Polizistin und einem weiteren Kollegen angestochen. Reifen quietschen, sie springen raus, fragen den ersten Cop, ob er Hilfe braucht. Er verneint und meint nur kurz, dass der zweite in eine Einfahrt „da drüben!“ gerannt sei. Freundlich und wahrheitsgemäß gebe ich den Tipp, dass er genau in die andere Richtung gerannt ist, werde aber ignoriert. („Selber schuld“, denke ich mir da.)

Dann trippele ich weiter zur Bahn, schau auf die Uhr und stelle fest, dass ich die Bahn verpassen werde. Beim Laufen wird mir erst bewusst, was ich gerade gemacht habe. Ein komisches Gefühl überfällt mich. Was, wenn das nur ein kleiner Fisch war, dem man sonst eher Sympathien entgegenbringen würde? Andererseits war die Straße menschenleer und er lief direkt auf mich zu, was der Grüne gesehen hat. Und genauso kann es sein, dass er ein gemeiner Trickdieb ist, der Omis die Kohle klaut. Oder ein Dealer, der Grundschulkindern Koks oder Ekstasetabletten andrehen wollte. Weiß man’s? Er hätte genauso gut bewaffnet sein können. Überleg nur mal: ein Butterflymesser, geschickt aus dem Ärmel fallengelassen und zack! – hätte ich ein Messer im Bauch gehabt, bevor ich es auch nur gemerkt hätte.

Komisch. Einfach nur komisch.

Und was ist das Erste, was mir eine Freundin schreibt, nachdem ich ihr davon berichte? Ich sei ein richtiger Held. Nicht feige. Sie sei stolz. Aber sie erwähnt auch, dass ich manchmal wirklich so verrückt sei, wie ich mich darstelle.

Advertisements

80 Gedanken zu “Glaubt es einfach. Es stimmt.

    1. das ist mir erst hinterher klar geworden. ich bin jetzt noch über den reflex erstaunt. ich hab einfach zugegriffen und ihn festgehalten. zum glück ist der kräftigere der beiden in die andere richtung gerannt, bei dem hätte ich wohl eher schwierigkeiten gehabt. 😉

        1. ich hab IMMER ein „du weißt schon“ dabei. aber das hätte ich so schnell nicht ziehen können. außerdem war es nur ein sehr einfaches „du weißt schon“. nichts, was ich für so einen fall gezückt hätte.

          1. zumal mit den cops dabei. wenn grüne herumstehen, lass ich meine „du weißt schon“s lieber in der tasche. die gucken sonst richtig komisch und verteilen am ende noch sowas wie platzverbote. ;D

          2. zeitung aus der gegend lese ich nicht. und der polizeibericht schweigt sich leider aus. was ich sehr seltsam finde, angesichts des aufgebots.

  1. Du bist echt irre, mein Freund.
    Aber ich bin auch stolz auf dich.
    Trotzdem…dir hätt‘ ja echt auch was pass…nein, egal.
    Ich bin stolz auf dich :yes:

    was ist ein du-weißt-schon?

  2. Sensationell, unser Dottinger! Ich werde mich dafür einsetzen, dass man dir das Bundesverdienstkreuz am goldenen Hosenträger verleiht.

    lg
    albert
    (der auf der Buchmesse einen Sheriff brauchen könnte, um die Groupies im Zaum zu halten)

  3. Wow… wenn es gut ausgeht, wie bei Dir, ist man ein Held. Hätte er seine Zucchini gezückt wäre es doof. Dennoch: ich wäre zur Seite gegangen und hätte ihn vorbeilaufen lassen. Kannst Du nicht irgendwie rauskriegen, was für ein Kaliber Verbrecher er war?

      1. Ach… ich dachte nur, weil es die Homepage von den Knastbrüdern da aus Eurer Ecke ist… aber is´ ja auch egal.

        morgen mehr. ich bin nämlich auch schonmal fast heldisch gewesen, wenn es was gegeben hätte zum heldisch sein. ist ne längere geschichte, ging aber ganz schnell.

          1. Du meinst die Spaziergänge mit dem Kleinen? Unter Wetter-Genießen würde ich was anderes verstehen. Aber gut, das mag Geschmackssache sein.

          2. Ich kann ja schlecht die ganze Bande alleine lassen, „Och Kinder, Hund, ich geh mal bisschen durch die Gegend rum laufen!“
            „ICH WILL MIIIT!“

          3. Hast Du schon mal überlegt, dass es Teil der Problemlösung sein könnte, wenn er ein bisschen Verantwortung übernimmt?

            Und es geht ja nicht darum, dass Du die Kinder für einen dreiwöchigen Urlaub allein lassen sollst, sondern dass er mal zwei, drei Stündchen auf seine Geschwister aufpasst.

  4. also ich glaube ja nicht, dass die polizei eine verfolgunsjagd mit einem simplen kaugummidieb oder sowas machen würde. der hatte schon dreck am stecken, kannste glaube. und wahrscheinlich ist er eh schon wieder auf freiem fuß. 🙄

    jedenfalls: prima, totti! 😀

  5. Endlich mal jemand mit Zivilcourage, der einfach ahndelt ohne nachzudenken oder vorher Gelaber zu machen. Meinen höchsten Respekt. Ich muss mich meinen Vorkommentatoren aber anschliessen, was hätte alles passieren können. Der oder die Typen hätten ja wirklich bewaffnet sein können … :-/
    Gerade deshalb auch mein Respekt.

    LG Andi

    1. Danke! Wobei ich sagen muss, dass es mir wichtiger wäre, wenn ich diese Reaktion auch in einer Situation zeige würde, wenn es wirklich für einen Menschen darauf ankommt. Da bin ich mir nicht so sicher, möchte aber auch nichts ausschließen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s