Jim Knopf haut den Lukas

Es gibt sonderbare Situationen, die verschiedenerlei nach sich ziehen. Beispiel:
Es dürfte jetzt gut und gern zwei Monate her sein, da lasse ich – höflich wie ich bin – einem anderen Pendler beim Aussteigen aus der Bahn den Vortritt. Es war so ein kleiner Schwarzer, mit einem leicht gedrungenen Körper, einer Meister-Propper-Frisur und einer Brille auf der leicht knubbeligen Nase.

Der andere ziert sich erst, so dass es zum lustigen Spiel führt: „Lässt du mich vor, lass ich dich vor.“ Gut. Die Bahn möchte natürlich weiter, also konnte ich meinen Dickkopf durchsetzen und er stieg zuerst aus.

Am folgenden Morgen stehe ich am Bahnsteig, warte auf meine Bahn, da kommt er die Treppe zur U-Bahn runter, auf mich zu. Ich nehme ihn zuerst gar nicht bewusst wahr, als er mich plötzlich, offenkundig selbst etwas verschlafen und plötzlich aufgeschreckt, „Morgen!“ begrüßt. Ich selbst, kaum viel wacher, grüße überrascht „Moin!“ zurück. Nach ner Sekunde wird mir klar: Eigentlich wollte das keiner von uns. Ich schätze, er hat vom Vortag mein Gesicht erkannt, konnte mich nicht einordnen, grüßte mich aber trotzdem. Und ich, im Tran des Morgens, grüßte zurück.

Egal. Nun könnte man denken, es sei ne einmalige Sache. Aber ne, nicht mit uns. Nicht mit Totte und dem lustigen Schwarzen. Wir haben ein Ritual daraus gemacht und ziehen das durch. Wenn wir uns morgens auf dem Bahnsteig sehen, grüßen wir uns immer noch jeden Morgen, den wir uns sehen. Mal er zuerst, mal ich zuerst, je nachdem wer als zweiter auf den Bahnsteig kommt. Aber immer nur „Morgen!“ und „Moin!“, wir haben nie auch nur ein Wort gewechselt. Oft merkt man an der Art des anderen, wie er drauf ist. Mal ein wenig verschlafen, mal besser gelaunt, mal hellwach, dann wieder etwas genervt. Aber es bleibt beim Gruß.

Lustig. Ich weiß wohl, er wohnt bei mir irgendwo im Viertel, ich hab ihn sogar schon einmal aus der Ferne in einem Café mit (s)einer Frau gesehen. Aber es bleibt doch bei der Distanz des Pendelkumpels. Nur dass wir beide all die anderen Pendelkumpels, die morgens am Bahnsteig stehen, wie Luft behandeln, eben genau so, wie sie uns behandeln. Und wenn ich gleich wieder losgehe, werde ich ihn sicher wiedersehen und grüßen.

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30 Gedanken zu “Jim Knopf haut den Lukas

  1. Ach, mir wird ganz warm ums Herz, zeigt das doch, dass so eine Großstadt auch nur ein Dorf ist, das Bedürfnis des urbanen Menschen nach Mitmenschlichkeit nicht geringer als in Lummerland. Du wirst sehen, dass Du Dir Sorgen machst, wenn er mal nicht auftaucht, wirst Dich damit beruhigen, dass er vielleicht Urlaub oder nur einen freien Tag hat, hoffen, dass er nicht krank ist. Schlimmer, Ihr trefft Euch, und er wäre an der Reihe, zuerst zu grüßen, tut es aber nicht. Was hast Du falsch gemacht, wirst Du Dich fragen…

  2. Ich habe jahrelang morgens auf dem Weg ins Büro einen mit einen mit einem Opel Ascona aus der Nebenstrasse rausgelassen, immer wenn der da wartete. Die ersten Woche habe ich noch Lichthupe gegeben, später fuhr er dann einfach, wenn ich kam. Keine AHnung wer das war, aber das war so ein Ritual, wir haben uns (wenn ich Frühschicht hatte) auch fast jeden Tag getroffen.

  3. Ach, das ist schön! Mein Guten-Morgen-Lächler ist seit den Schulferien verschwunden. Ich hoffe, er hat nicht sein Fahrverhalten geändert, sondern arbeitet an der Uni. (?) Seit mehr als einem Jahr treffen wir uns morgens regelmäßig am Süd Bhf. und fahren dann in die gleiche Richtung weiter. Er fährt weiter als ich. Es gibt ein freundliches „Guten Morgen“ beim Zusammentreffen und wenn wir nicht durch hunderte ignorante Mitpendler an verschiedene Enden des Abteils oder gar weiter auseinander getrennt werden, gibt es noch ein freundliches Kopfnicken zum Abschied. Mal gucken ob er nach meinem Urlaub wieder da ist. Wirklich kurios, dass man Menschen vermisst, von denen man nichts weiß.

          1. Aber nein – ihr macht das in so diskretem Tonfall, daß niemand um Euch herum etwas mitbekommt, wie ihr ein so delikates Thema anschneidet.

  4. ich hab auch so einen kumpel! wir treffen uns jeden morgen, wenn ich zum auto renne und er zur bahn. und wir grüßen uns, das wars. ich weiß nicht, wo der wohnt, wo der herkommt, wer er ist. aber irgendwie finde ich es schön, morgens jemanden zu grüßen. 🙂

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