Ein Pferd

Nach Frank Schulz

Salambo. Nachtshow. Auf der Bühne steht der Star des Abends, Manfredo del Stendo. Manfredo ist splitternackt bis auf weiße Handschuh und hat einen Steifen. Ihm gegenüber, auf einem langen, samtbedeckten Tisch, liegt ein Krokodil.
„Meine Damen und Herren! Ich werde jetzt meinen Schwanz in das Maul dieses Untiers stecken, ihn wieder herausziehen und es wird ihm – NICHTS passieren! … Wohl an!“
Don Manfredo schiebt seinen Schwanz bis ans Heft in das weit geöffnete Maul des Untiers, das Untier schließt die meterlangen, runzligen, dolchzahnbewehrten Kiefer und … gelähmte Stille … Man kann die Stecknadel im Heuhaufen hören. Das Publikum hält den Atem an. Und PLÖTZLICH haut Manfredo dem Krokodil kurz und trocken zwischen die Augen, das Maul geht auf, der Schwanz kommt unversehrt und in voller Pracht zum Vorschein.
Prasselnder Ablaus. Doch Manfredo wehrt bescheiden ab.
„Nun – wer von Ihnen, hochverehrtes Publikum“, sagt der große Manfredo, „möchte denn das auch mal probieren?“
Betretenes Schweigen. Die Herrn der Schöpfung kauen auf Fingernägeln, pfeifen unaufällig und täuschen Migräne vor, die Damen stoßen spitze Schreie aus. DA! Meldet sich ganz hinten, in der Ecke, ein kleines altes Frollein.
„Tschä, ich würd däs jo mächn, junga Mann. Obä nich so doll zwüschen die Augn haun!”

Hochdeutsch von Totte

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11 Gedanken zu “Ein Pferd

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