Die Brücke sägen und kerben

Jüngst saß ich in der Bahn ein und hatte so schräg gegenüber zwei Milchbärte hocken, die je kaum siebzehn Lenze zählen konnten. Sie untersprachen sich über ihr sportliches Aktivitätsprogramm. Gewichtheben war das Thema. Sie sputeten und spornten sich jeweils selbst an ob ihrer Leistungen, dafür bestimmte Metallkörper zeitweilig dem Wirken der Schwerkraft zu entreißen – sei’s im Liegen, Sitzen, Hocken, Knien oder auch Liegen; sei’s vornherum, von hinten oder hängend an den Seiten. Der eine von beiden – nennen wir ihn der Frisur halber nach einem Lied Duran-Durans Wild Boy – verlautbarte, sein Trainer habe erlassen, er möge demnächst eine bestimmte Zahl Kilogramms in einer bestimmten Übung hinwegheben. Wild Boys Gegenüber strotzte. Das, so sein fester Glaube, der durch nichts ins Wanken zu bringen vermocht werden konnte, sei blankerdings nicht gut möglich, um nicht zu sagen U n s i n n . Er höchstselbst habe in derselben Übung erst kürzlich nur knapp etwas weniger Ka-ges geliftet und sei – gleichwohl körperlich kräftiger gebaut – nicht in der Lage gewesen, auch nur ein einzelnes Kleeblatt mehr zu hippen. Da der Wild Boy wesentlich(!) anders gebaut sei, müsse der Wild Boy, so sei seine vieljährige Erfahrung, die Übung zur Gänze anders angehen. Überhaupt schilderte der junge Schwarzenegger, es sei in höchstem Grade ominös, wie viel schwerer Gewichte plötzlich ab einem bestimmte Punkt werden, sobald nur wenige Grämmlein sich hinzugesellen. Ich munkelte in mich hinein, dass womöglich ein übelbestallter Bösewicht die Zahlen teilweise von den Gewichten feilt, sodass aus 150 kg mit einem Male 15 kg werden. Gleichwohl – Schwarzi war nicht in der Lage, sich dieses physikalische Phänoment zu erklären, sondern wechselte behend das Thema.

Ob der Wild Boy auch den Japaner Ich-weiß-nicht-mehr-wie-er-ihn-nannte kenne? Der sei bei ihm auf der Schule, komme eben aus Japan und spiele in der Jugendmannschaft eines örtlichen Bundesligavereins, den ich hier aus klerikalen Gründen nicht nennen möchte. Der Gewichtsparanoiker schilderte, welch schwer Schicksal dem Japaner hier angediehen sei. Er wohne in einem Internat, spräche kaum eine Silbe Deutsch und erhalte monatlich ein paar Hundert Euros vom Verein. Freilich spiele er gut, könne darauf bauen, irgendwann in der Bundesliga die aufgepumpte Lederkugel getretenerweise von A nach B befördern zu können und habe in diesem Fall ausreichende Finanzmittel in Aussicht gestellt bekommen. Vorläufig gälte es jedoch, die Knüppeltour zu beschreiten, ohne sich adäquat im bewohnten Lande ausdrücken zu können. Jüngst, so Master Arnie, habe der Japaner ihn sogar angesprochen und gebeten, eine englischsprachige Sentenz ins Deutsche zu übertragen. Es war der Satz (und der Gewichtheber sprach ihn in der Bahn auf Deutsch, nachdem er in einem ersten englischen Versuch an den zuvordersten beiden Wörtern merklich gescheitert war): „Diese Jacke ist mir zu warm, ich möchte eine dünnere Jacke anziehen.“ Man frage mich bitte nicht, bei welchen Gelegenheiten man ausgerechnet solche Dinge mitzuteilen sich gedrängt fühlen könnte. Ebenso wenig wage ich zu mutmaßen, was der Japaner in Wirklichkeit gefragt hat und wie erfolgreich Jung-Schwarzenegger ihm die deutsche Übertragung vermitteln konnte. Nein, ich lasse lieber erfürchtiges Staunen durch die Reihen der Leser schnittern – ungefähr so wie der Wild Boy dreinschaute, der selbst einen solchen sprachlichen Kraftakt merklich zu bewerkstelligen nicht imstande war. Vielleicht mochte er aber auch zunächst mit seinem Trainer darüber konferieren, welche Länge die von ihm zu übersetzenden Sätze haben sollten. Ich weiß es nicht.

Beide Kraftsportler entstiegen kurz darauf der Bahn und überließen mich meinen Gedanken, in denen ich mich einmal mehr der Entwicklung und Lösung der Weltformel widmete (den im Falle des inzwischen absehbaren Erfolges unvermeidlichen Nobelpreis plane ich nebenbei der baltischen Flotte zu widmen).

Dieses Bild hat rein gar nichts mit Obenstehendem zu schaffen, ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie es hier hingekommen ist, aber es zeigt ein paar Blogger, mein Faktotum Passepartout und mich bei unserem diesjährigen Osterurlaub in Feuerland Mitte. Passepartout brauchte 12 Stunden, um sich vom Marterpfahl zu befreien. Und weitere 17 Stunden, bis er unseren Bus wieder eingeholt hatte. Der kann aber vielleicht auch laufen!

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33 Gedanken zu “Die Brücke sägen und kerben

  1. :)) Feiner Eintrag! Selbst wenn die milchbärtigen Gewichtheberlein bloggen sollten, musst du keine Angst vor eventuellen Rachefeldzügen haben. Die würden sich in diesem Text nicht wiederfinden. ;D

          1. Gut, ich werde dann meinen Blog löschen, einen neuen Namen beantragen und kleine kosmetische Eingriffe in meinem Gesicht vornehmen lassen müssen. Sach Bescheid wann, ja?! :>

          2. Nein, Du nicht. Aber Du hast Taste so angefeuert, dass Du vor Heiserkeit in Ohnmacht gefallen bist. Wir haben uns echt Sorgen gemacht, zumal wir so kurz nach dem Freitagsgebet echt schnell da weg mussten.

          3. Ach DESHALB konnte ich die ganze Fahrt über nicht mehr „Hello again“ singen! Mein lieber Herr Gesangsverein, langsam schließen sich die Erinnerungslücken.

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