Taste: Wölfe stehen für mich total für Freiheit

Schon länger trage ich mich mit dem Gedanken, eine neue kleine Reihe einzuführen: DocTotte interviewt. Erstes Opfer sollte eine Frau werden, die ich schon länger im Blog kannte, letztes Wochenende aber zum ersten Mal sehen sollte.

Taste kommt mit dem Zug an, freut sich grinsend am Bahnhof. In der Menge der Leute trägt sie einen coolen schwarzen Mantel, um den sie die umstehenden Frauen merklich beneiden. Bei manchen glaubt man in den Augen zu lesen, dass sie genau so einen Mantel seit einem Jahr verzweifelt suchen. Im Laufe des Interviews fahren wir zu mir, wo wir das Interview beschließen.

Totte: Hallo, Taste! Ich hoffe, du bist gut angekommen?

Taste: Danke, ja. Ist ja nicht so ein weiter Weg. (Grinst.)

Fangen wir bei deinen Wurzeln an: Du bist bekanntlich eine große Tierfreundin. Warst du schon als Kind von Tieren begeistert?

Immer schon.

Und dein erstes Tier? Wie hieß es?

Peter. Ein Meerschweinchen. So sollte dann auch mein späterer Sohn heißen … (lacht)

Du hast ja bis heute immer wieder Hund und Katz. Sonst sind die Menschen da sehr zwiegespalten. Hundeliebhaber können mit Katzen nix anfangen und umgekehrt. Wie sieht das bei dir aus? Sind Hunde cooler als Katzen?

Würd ich nicht sagen. Katzen sind cooler, weil sie nicht zu erziehen sind, nicht so wie Hunde, und weil sie eigenwilliger und kratzbürstiger sind. Wieso das jetzt unter „cool“ fällt, weiß ich gerade auch nicht. Und Hunde sind einfach die besseren „Kumpels“, die einen … wie soll ich sagen … die zu einem halten und oft mehr Freund als Tier sind – da muss man aber auch aufpassen, dass es nicht „zu eng“ wird … laberlaber … unendliches Tasten-Thema.

Du sprichst es selbst an: Warum ist ein eigenwilliges und kratzbürstiges Tier cooler? Ist es die Herausforderung, mit jemandem anzubändeln, der nicht gezähmt werden kann?

Ja, wahrscheinlich ist es das. Es fasziniert – also zumindest mich –, dass diese Tiere ihr Eigenleben so behalten, sich in ihrem Sein einfach nicht unterkriegen lassen, obwohl sie ja trotzdem genug von uns gezähmt werden. Ich habe z.B. momentan das erste Mal in meinem Leben eine HAUSkatze… (stöhnt) … ich hasse das, dass sie eingesperrt bleiben muss und bin mir sicher, sie hasst es auch, obwohl sie die Freiheit ja gar nicht kennt. Sie bzw. er hat einen starken Charakter irgendwie. Auf „Sitz“ und „Platz“ hört er noch nicht, aber er kommt angerannt, wenn man ihn ruft und wenn es klingelt – hat er sich wohl vom Hund abgeschaut …

Was ist denn insgesamt dein Lieblingstier? Was würdest du gern mal halten, wenn du alle Möglichkeiten der Welt hättest?

Ein Schwein. Oder einen Braunbären. Oder einen Gorilla – das wär auch geil. Ich und der Gorilla im Urwald. Aber wenn ich so intensiver darüber nachdenke, dann würde ich – ganz ehrlich – am liebsten mit den Wölfen leben. Fragt sich da nur, wer wen hält.

Du bist ja auch Musikerin. Du spielst Klavier und hast auch Orgel gespielt. Wenn du dein Lieblingstier mit einem Lied erklären müsstest, welches Lied wäre das dann?

Ou ha. Gute Frage – noch nie drüber nachgedacht. „Genug ist nie genug“ von Konstantin Wecker, aber die neuere jazzigere Version. Oder meinst Du ein Lied, was ich selber gespielt habe auf Klavier oder Orgel?

Nein, nein, ich meinte schon ein Lied an und für sich. Ich muss gestehen, dass ich das Lied nicht kenne. Warum steht es für Wölfe?

Die Musik, der Text und natürlich Wecker, wie nur er es wiedergeben kann, strahlt so viel Wildheit und Freiheitswillen aus. Und Wölfe stehen für mich total für Freiheit. „Genug ist nie genug“ – sagt ja irgendwie schon alles. Willste mal hören? Da wird vorher allerdings ein bisschen gedösbabbelt … (hier geht’s zum Lied) Und wie er in die Tasten haut … Gänsehaut.

Ja, irgendwie bin ich zugegebenerweise kein großer Weckerfan, das mag mit dem Aufstehen zu tun haben. Zurück zu den Tieren: Sie haben ab einer bestimmten Größe einen Nachteil: Sie schränken die Reisefähigkeit ein. Wohin ging deine weiteste Reise?

Nach Frankreich, ich muss den Ort jetzt erst noch suchen – irgendwo weit, weit weg in den Bergen …

(Totte lacht.) Gut, Berge sind ja relativ. Weißt du noch, ob es im Massif Central war? Oder in den Pyrenäen? Oder in den Vogesen? So ungefähr?

Nee, da muss ich noch mal die Freunde, die ich damals besucht habe, fragen. Du weißt doch … Heringshirn und außerdem ist das verdammt lange her … Übrigens kam ich in dem Dorf an und niemand war zu Hause von meinen Freunden und ich hatte kein Geld mehr und keine Übernachtungsmöglichkeit, aber einen Hund dabei und da bin ich in ein Schloss, in dem ein Bildhauer lebte mit seiner schrecklichen-bösen Frau und drei großen weißen Hunden und … ich glaub, das erzähl ich ein ander Mal …

Auha! Du weißt, wie man es spannend macht. Aber gut, Themenwechsel: Was hast du in Frankreich gegessen? Was hat dir am besten geschmeckt?

Käse und Rotwein. (Freut sich sichtlich.)

Das kann ich verstehen. Weißt du noch, welcher Käse das war?

Französischer. (Lacht.)

Sehr gut! Der muss geschmeckt haben (lacht). Irgendwann bist du „von Frankreich“ ins Internet gereist und hast einen Blog aufgemacht. Weißt du noch, wie es dazu kam?

Das war kurz vor meinem 40. Geburtstag – ich suchte was, um meine unbändige Schreibes- und Mitteilungslust loszuwerden, ohne dass sie immer auf irgendwelchen Blättern in der Schublade verschwindet. Von Blogs hatte ich schon gehört und gelesen und bin im Stöbern im Netz bei blog.de gelandet.

Wann wusstest du, was du mit dem Blog „machen“ wolltest? Hat es eine Zeit gedauert oder wusstest du das bereits sehr früh?

Ähm … also … ich wusste gar nicht, was mich erwartete. Ich hoffte wohl, die Idee eines Buches – wie so viele im Blog – mir selber näherbringen zu können durch den Blog. Aber mein Blog entwickelte sich ganz woanders hin. Sehr lustig und ohne genauere Struktur, wie mein Leben irgendwie.

Eine interessante Theorie: der Blog, dein Leben. Oder anders gesagt: Zeig mir deinen Blog und ich zeig dir, wer du bist. Glaubst du, dass sich das auch bei anderen Bloggern so niederschlägt?

Ja. Selbst die, die das nicht so vorhatten oder meinen, bei ihnen sei das nicht so, können gar nicht anders, als auch zu zeigen, wer sie sind mittels ihres Blogs. Da kann man sich nicht verstellen. Und warum sonst eröffnet man einen Blog? Um sich selbst, seine Gedanken, seinen Hass, Liebe, sein Alles in die Welt zu schicken.

Stimmt, selbst wenn man sich verstellt, bleibt ja auch diese Verstellung ein Teil des Selbsts. Dein Blogname ist ja auch eine „Art“ Verstellung. Denn Taste steht ja nicht nur für die Tasten an Instrumenten, sondern auch für Tastaturen an Schreibmaschinen. Schreiben ist dir also schon technisch offenbar sehr wichtig. Nun bist du seit kurzem als Schriftdolmetscherin tätig – sozusagen eine Taubenflüsterin. Was genau machst du da und was unterscheidet dich da von einer Gebärdendolmetscherin?

Taubenflüsterin… so ein schönes Wort. – Ich „dolmetsche“ quasi das gesprochene in das geschriebene Wort mittels einer Sprachsoftware. Das, was gesprochen wird (z.B. an einer Veranstaltung oder auch im Kino, in der Schule, am Gericht, an der Uni, im Krankenhaus, auf Betriebsversammlungen …), das spreche ich nach (es hat bestimmt was zu bedeuten, dass Dieter-Thomas Heck ein Star meiner Kindheit war) und die Software wandelt es direkt um, so dass der oder die Hörgeschädigten es entweder direkt an meinem Laptop oder aber auf einer Leinwand mitlesen können. Läuft also alles parallel: Zuhören, nachbabbeln, während dem Nachbabbeln weiter zuhören, nachbabbeln, mitlesen, ob sich Fehler eingeschlichen haben und diese möglichst sofort händisch korrigieren… eine halbe bis maximal dreiviertel Stunde geht das, dann muss man wechseln. Die Gebärdendolmetscher benutzen mit ihren Händen ja eine eigene Sprache, das kann man gar nicht vergleichen miteinander. Dazu muss ich erläutern, dass die Gebärdensprache von den Menschen erlernt wird, die z.B. schon gehörlos auf die Welt kommen oder als Kind eine Hörschädigung erleiden. Diese benötigen dann Gebärdensprachdolmetscher. Und Menschen, die erst später an einer Hörschädigung erkranken, haben natürlich nicht die Gebärdensprache erlernt. Da kommen wir als Schriftdolmetscherinnen dann zum Zug. Und wir haben wirklich viel zu tun.

Das klingt gut, dann werden du und deine Kollegen noch viel gebraucht. – Auch wenn du „nur“ Schriftdolmetscherin bist, kannst du bestimmt auch etwas Gebärdensprache. Wusstest du, dass man in der Gebärdensprache auch reimen kann? Kannst du ein Gebärdengedicht?

Nein, ehrlich gesagt wusste ich das nicht und ich kann auch keines. Ich bin froh, dass ich ein paar Grundbegriffe beherrsche, das ist nämlich gar nicht so einfach zu erlernen, wie ich mir das dachte, als ich den Grundkurs zum zweiten Mal besuchte und dann aufgab … Aber es kommt auch auf die Sprache an, was du damit meinst: Es gibt ja die Lautsprache. Die übersetzt jedes einzelne Wort Buchstabe für Buchstabe. Und dann gibt es diese eigene von Gehörlosen aus der Not entwickelte Sprache, die nicht Wort für Wort übersetzt, sondern mehr ins Pantomimenhafte übergeht, viel mit Gesten und Körperbewegungen arbeitet.

Also oft sicher auch Moden unterworfen, je nachdem, was die Menschen bewegt oder was es für Geräte, Ideen oder Entwicklungen gibt. Was bedeutet es dir, in unserer Zeit zu leben? Gibt es eine Epoche, in der du lieber gelebt hättest?

Nein, zumindest reicht meine Vorstellungskraft nicht aus, wie es wäre, in einer anderen Epoche zu leben oder gelebt zu haben. Ich würde gerne mal wissen, wie es in der Zukunft aussieht hier, wenn ich nicht mehr bin. Aber nur gucken – nicht mitleben.

Hat dieser Wunsch auch politische Gründe? Immerhin bist du ja durchaus politisch interessiert. Gab es dazu einen bestimmten Auslöser in deinem Leben?

Ja. Der Auslöser dafür lag einfach in der Kindheit begründet oder besser gesagt die „REVOLUTION“ in der Jugend. Gegen Elternhaus und Stumpfsinn, Aufbegehren gegen alles, was Familie heißt … und da kamen mir alle Unterdrückten und Verfolgten gerade recht, um mich zu engagieren.

Ein Moment, das ja viele antreibt. Interessant ist hier die Unterscheidung zwischen der Hilfe für Unterdrückte und dem Kampf aus den Reihen der Unterdrückten heraus. Also ob man sich mit den Unterdrückten gemein macht. Adorno hat das gerade bekanntlich abgelehnt – auch weil es letztlich bedeutet, dass man die Unterdrückung dadurch mehr oder weniger zementiert. Wie siehst du das? Kann man erfolgreich von unten helfen? Oder ist es nicht besser, die Hand von oben zu reichen?

Hm … ich glaube, da muss ich drüber nachdenken …

Das kann man natürlich am besten mit einem leckeren Gläschen Whiskey. Liebe Taste, danke für dieses Gespräch! Und jetzt lass uns mit Glenmorangie anstoßen. (Füllt zwei Gläser ein, freut sich.)

Prost, Totte! (Freut sich, grinst und trinkt.)

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36 Gedanken zu “Taste: Wölfe stehen für mich total für Freiheit

  1. … und sicher zementiert man die Reihen der Unterdrückten, macht man sich mit ihnen gemein … da würde ich Adorno Recht geben. Dafür muss man sich aber auch außerhalb dieser befinden.

    1. Eben. Die Leute in der zweiten Klasse fahren nicht besser, wenn ich aus Solidarität auch zweite Klasse fahre. Sie fahren erst besser, wenn alle erste Klasse fahren.

  2. Oh, ich wäre gerne dabei gewesen und hätte die Taubenflüsterin kennengelernt 😦
    Übrigens kenne ich jemanden der gerade Gebärdensprache lernt, und sich da ziemlich schwer tut. Auch erfuhr ich erst durch den, daß Gebärdensprache nicht international ist (wie bescheuert ist das denn? Das ist wohl das unsinnigste seit Regionalcodes für DVDs…).

    1. Ein weit verbreiteter Irrtum. Der sich aber leicht erklärt: Es sind ja schon viele Gesten länderabhängig. Fließen die in die jeweilige Gebärdensprache ein (und das tun sie in Teilen automatisch), können sie woanders nicht oder nicht richtig verstanden werden.
      Und die Gebärdenlautsprache ist selbstverständlich direkt von der gesprochenen Sprache abhängig.

      du stehst übrigens auch auf der liste. aber die nächste kandidatin wird wohl muffy. 😉

          1. ha,ha,ha…tja…frauen und multitaskingfähigkeit….

            ich war gerade noch beim andersseitigen Gespräch über Albert…

            Taste kenn ich noch von früher…als ich noch jemand anders war…

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