Zielgrippenanalyse

In seinem eigenen Zelt ist jeder Mann ein Dschingis Khan.

Mongolisches Sprichwort

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DocTotte präsentiert: Die fünf schönsten Filmrisse

Der schönste Filmriss, der auch eine Vorgeschichte bieten kann, ist zweifellos mein Versuch, eine Boygroup aus Wattenscheid zu hören. Der unangefochtene Platz 1!

Um die Wattenscheider Philharmoniker, die unter dem Pseudonym „Kassierer“ unterwegs sind, live zu erleben, benötigte ich drei Anläufe. Beim ersten Mal hatte ich eigentlich vorgehabt, mit einem Kommilitonen und einer nicht ganz legalen Substanz eine Uniparty der Physiker zu sprengen. Leider fanden wir die Party nicht auf dem Campus, gingen zu ihm ins Wohnheim und betrachteten unter Wirkung der Substanz seine Skalare im Aquarium (eigens zu diesem Zwecke angeschafft und aufgebaut). Später trödelte ich zum Bahnhof, wollte nach Hause, traf aber einen anderen Kommilitonen, der mich zum Kassierer-Konzert mitnahm. Die Vorband – keine Ahnung, wer das damals war – habe ich unter Einfluss flüssigen Goldes noch feiernd mitbekommen. Doch bevor die Kassierer auftreten konnten, verschwand ich kurz nach draußen, wankte über die Straße, hockte mich („für eine kurze Pause!“) in einen Hauseingang und wachte Stunden später mit schief sitzender Brille wieder auf.

Das war aber eigentlich noch nicht der Filmriss, von dem ich erzählen wollte. Der geschah nämlich bei einem Jahre später stattfindenden Kassierer-Konzert. Derselbe Ort, andere Leute. Einige bewunderten meine Zimmermannshosen mit Schlag, die Schnapspulle kreiste und so selbstgedrehte … äh … Zigaretten eben. Diesmal bin ich, obwohl bereits mit Karte ausgestattet, nicht einmal in den Veranstaltungsort hineingelangt, sondern lag schon vor dem Konzert auf der Wiese vor dem Eingang. Irgendwann nach dem Konzert wurde ich geweckt, in einen R4 geschleppt, der am Tag darauf verschrottet werden sollte (deshalb sprang der Besitzer auch noch fröhlich auf dem Dach herum, während ich im Fond hockte wie ein Mehlsack). Wie ich nach Hause gelangt bin? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir Jahre später erklärt wurde, dass es um mich herum auf der Wiese zu einer Schlägerei zwischen Punks gekommen sein soll, auch mit herumfliegenden Flaschen. Mithin ein Ereignis, das an mir vorbeigeflogen ist.

PS: Der dritte Anlauf zur Betrachtung der Kassierer war erfolgreich, ich trank aber mit Absicht äußerst maßvoll.

DocTotte präsentiert: Die fünf schönsten Filmrisse

Der heutige Filmriss entführt in die exotische Welt der Heavy-Metals mit all ihren Schweiß- und Schnapsgerüchen. Ich präsentiere Platz …

2. Im Notes, einem abgesifften Metalschuppen in einem weniger gentrifizierten Stadtteil E-Towns, gefeiert. Der Drogenpapst bestellte sich da zur Happy Hour gewöhnlich ein Tablett voll Wodka, ich selbst trank eher das unangenehm verdünnt schmeckende und einen wirklich bösen Kater verursachende Bier aus dem Zapfhahn. Hinten gab es einen nicht mehr brauchbaren Billardtisch, der vom DJ und sonstigen Personal kaum eingesehen werden konnte. Also feierten wir ausgerechnet hier besonders ausgelassen. Kumpel M. tanzte zum Beispiel mal auf dem Billardtisch und versuchte dabei, mit bloßen Fingern die Discobeleuchtung herauszuschrauben (dass er sich die Finger verbrannte, merkte er erst mit Zeitverzögerung). Ich selbst versuchte dagegen einst, vor einer der Boxen eine Beavis-und-Butthead-Folge nachzustellen. Darin steht einer der beiden direkt vor dem Fernseher, der ein Panthera-Video darstellt, und brüllt dazu, der Ton möge lauter gestellt werden. (Seit diesem Abend höre ich rechts übrigens auffallend schlechter, ein Zusammenhang sei nicht ausgeschlossen.) Der Filmrissabend, von dem ich aber eigentlich berichten wollte, hatte etwas mit erst aus Versehen, später mit Absicht vergossenem Bier zu tun, auf dem man hinter dem Billardtisch herrlich herumrutschen konnte – bis ich mitsamt Faust in einer Wand des Notes versunken bin. Wie ich genau nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr, vermutlich habe ich mit leeren Bierdosen Fußball gespielt oder Schlimmeres angestellt. Das kindkopfgroße Loch in der Wand wurde schließlich von einem anderen Kumpel (erstklassiger Maler/Renovierer seines Zeichens!) gerichtet, wofür ich ihn in Flüssighopfen entschädigte.

DocTotte präsentiert: Die fünf schönsten Filmrisse

Der Platz drei hat etwas mit der Schule zu tun. Und ich war nicht auf der Winzerschule!

3. Erste Abifete (am Tag vor der Überreichung der Prüfungszulassung, die zweite fand statt, als wir es geschafft hatten): Feier am Bootshaus des Gymnasiums. Daselbst fleißig Hopfengetränke genossen, bis ich irgendwann auf der Bank vor dem Bootshaus, nun ja, mehr lag als saß. Dunkle (sic!) Erinnerung daran, wie der König der Sonnenbänke, Mokka genannt, neben mir stand und mit erhobenem Zeigefinger etwas davon brabbelte: „Wenn das jetzt Herr F. [Lehrer] sehen würde!“ Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass ich als Antwort gekotzt habe. Auf jeden Fall hätte ich es gern getan. Später bin ich dann allein zu Fuß in Richtung nach Hause gelatscht, erst durch irgendwelche Gebüsche (dolle Abkürzung, aber im Suff bin ich sowieso ein zweiter Amundsen; so habe ich mein Hard-Rock-Café-T-Shirt aus Reykjavík bei dem Versuch zerrissen, über die Baustelle des hässlichen Eon-Turms „abzukürzen“ – nur um am Ende feststellen zu müssen, dass ich nicht in der Lage bin, 10 Meter hohe Betongusswände emporzukraxeln, sodass ich den ganzen Weg wieder zurückgehen musste). Bei diesen Gebüschen am See nun hat mich jemand der Anwesenden gesehen. Parallel muss der Verdacht aufgekommen sein, ich sei betrunken in den See gefallen, weswegen ein paar Leute mich da spätnachts suchten. Glücklicherweise ist dieser Kelch aber an mir vorüber- und ich am Ende eines mehrstündigen Fußwegs sicher nach Hause gegangen. Am nächsten Tag war ich nicht in der Lage, die Zulassung zum vereinbarten Termin abzuholen. Später kam ein Schulfreund vorbei, um zu schauen, ob ich noch lebe. Die Zulassung hab ich dann irgendwann am Nachmittag im Sekretariat abgeholt.

DocTotte präsentiert: Die fünf schönsten Filmrisse

Aus Tradition werden zum Jahreswechsel oft genug in unserem Kulturkreis Alkoholika entkorkt und genossen. Ein Beispiel für diese Tradition lieferte ich vor 20 Jahren.

4. Silvester 91/92: mit vier Freunden getroffen, in der heimischen Bar mit Schnaps vorgeglüht, dann zwei Buddeln Sekt geschnappt und mit dem Auto (Fahrer trank natürlich nichts) nach Kettwig. Dort unter Leeren der Sektflaschen das Feuerwerk bewundert. Unverständlicherweise wollte niemand etwas von meinem Sekt haben, sodass ich die zwei Flaschen auf den Schnaps allein getrunken habe. Auf den Rückweg saß ich hinten in der Mitte, bin irgendwann eingeschlafen oder habe das Bewusstsein verloren. Irgendwann hielt das Auto an, laute Rufe von „Es stinkt nach Kotze!“, alle mussten aussteigen, nur gab es im Auto keine Kotze. Der Fahrer litt offenbar an olfaktorischen Halluzinationen. Dann zu Hause abgeliefert worden. Auf dem Bürgersteig gegenüber des heimischen Herds gestanden, erst mal vor ein Regenfallrohr gegöbelt. Gegenüber Mutter gesehen, freundlich ein „schönsneusjaa“ gewünscht und dabei eine ungeschickte Bewegung gemacht, die meinen Hinterkopf gegen das Fallrohr stoßen ließ. Irgendwie in die vierte Etage gelangt und erst im Laufe des Tages aus dem Koma erwacht.

DocTotte: Die fünf schönsten Filmrisse

Heute starte ich eine lustige kleine Miniserie, bei der ich mir sicher bin, dass sie auf offene Ohren und lautes Amusement stoßen wird: Meine fünf schönsten Filmrisse. Anfangen möchte ich mit einem eher kleinen Begebnis, quasi einer Nebenrolle:

5. Mit meinem in Polen aufgewachsenen Kumpel M. habe ich an einem lustigen Abend zwei Flaschen Wodka geleert. Während er bereits unterm Tisch lag (im Wortsinne), öffnete ich mir noch eine Flasche Veltins und nippte daran. Kurz danach musste ich mich allerdings auch auf die Couch legen und hatte fortan einen unangenehmen optischen Effekt. Wenn ich die Augen schloss, kamen immer Bilder in der Art von einem Filmrollenende: Es machte also flappflappflapp vor meinen Augen, und das in Verbund mit einer gewissen Schwindeligkeit.

Von schaurigen Choppern

Fortsetzung …

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir da saßen, aber wir haben sicher eine Stunde in die Tiefe gestarrt. Ich, der ich weniger mutig als Niko war, wäre sicher nicht gesprungen, aber nicht einmal er konnte genügend Mut aufbringen, bis uns plötzlich der Bauer vom angrenzenden Grundstück entdeckte und uns mit lautem Brüllen vom Dach verjagte. Natürlich erzählte er es meiner Mutter, aber die glaubte zum Glück, dass wir nur auf dem Dach rumklettern wollten. Unser eigentliches Ziel hat sie nie erfahren.

Die Sprünge ließen Niko trotzdem nicht mehr los. Er wechselte nur die Absprungbasis. So hatte ich im Garten einen Apfelbaum – persönlich von meiner Oma geschenkt bekommen –, den ich lange Jahre als lebendes Piratenschiff nutzte. Stundenlang hockte ich da im Ausguck der wegen der Kletterei spärlich bewachsenen Krone, etwa fünf Meter über dem Boden. Von dort sichtete ich verdächtige Segel in den Wolken und spielte die Schatzinsel in allen Einzelheiten nach. Als der Baum auf höchstmütterlichen Ukas gefällt werden sollte, erfand ich praktisch die Baumbesetzung. Erst ein herannahendes Gewitter und völlig durchfrorene Knochen brachen meinen Widerstand.

Dieser Apfelbaum erhielt nun eine Hauptrolle am Tag der ersten großen Maifeier im Dorf. Erstmals war auf dem Spielplatz vor Nikos Bungalow ein Maibaum errichtet und ein Zelt mit DJ bestellt worden. Dummerweise sollte Niko nicht viel von dem Abend haben.
Der Himmel leuchtete bereits den ganzen Tag über blau. Lediglich ein paar hellweiße Flöckchen zogen den Sonnenwagen von Ost nach West. Niko und ich hatten den Vormittag vor allem im Sattel verbracht. Unsere BMX-Räder waren auf Unwegen erprobt, hatten Stock und Stein und stilvolle Sprünge überwunden. Auf unseren Stahlpferdchen fühlten wir uns stets sicher. Mittags waren wir essen gegangen – ich müsste lügen, wennn ich zu wissen behauptete, was es gab. Es könnte paniertes Rotbarschfilet mit Kartoffeln gewesen sein. Vielleicht auch Sauerbraten.

Nach dem Essen trafen Niko und ich uns erneut. Daddelten unelektrisiert herum, fingen vielleicht Fliegen, sammelten sie in einem alten Senfglas – mit Bierdeckeln und Obacht bringt man locker Dutzende Fliegen in ein Glas – und sahen ihnen dabei zu, wie sie den Vögeln frönten. Schließlich kletterten wir auf diesen Baum und jenen Baum. Die Feldlerchen quietschten ihren Rundfunk über unseren Köpfen, unterbrochen nur von den Warzenschweinen von der NATO. Das ganze Dorf war in stiller, aber fröhlicher Aufregung wegen des Fests am Abend. Den Maibaum hatte man schon am Nachmittag zuvor unter viel Hallo aufgestellt. Die Möchtegernhalbstarken hatten die Nacht darüber gewacht, damit „die Behinderten“ aus dem Nachbardorf nicht zuschlugen, um den Baum zu fällen oder – schlimmer – sogar zu stehlen!

Auch Niko und ich hatten unsere Ruhe weg. Wir freuten uns auf das Grillen am Abend und genossen sicherlich die entspannte Ruhe der Großen.

Am späteren Nachmittag, so gegen halb vier, vier, kletterten Niko und ich auf meinem Apfelbaum herum. Wir spackten und turnten an den Ästen, schrien ausgelassen und johlten, tobten uns am Fallreep aus. Irgendwann ging ich kurz rein, etwas zu trinken zu holen, vermutlich Limo oder sowas. Als ich aus der Küche kam und durch die Terrassentür hinaus, lief mir Niko entgegen. Der Blick verkniffen, nicht glücklich. Bei diesem Blick konnte man seinen leichten Ansatz zu Hasenzähnen besonders deutlich sehen. Trotzdem schaute er nicht eigentlich schmerzverzerrt, so viel Indianer blieb er schon in diesem Moment.
Ich fragte, was los sei.

Er anwortete, er habe von einem der oberen Äste – wir hatten die Hauptäste nach Schiffsmasten benannt – springen wollen, sei aber an einem abgesägten Aststumpf hängengeblieben.

Erst jetzt fiel mir auf, dass er seinen linken Arm hielt. Er wirkte schlapp. Niko krempelte seinen T-Shirt-Ärmel hoch und zeigte seine Achselhöhle. Ein wenigstens daumengroßes Loch klaffte tief im Fleisch. Gelbt prangte es mir entgegen. Niko, so sagte er, wollte nach Hause. Ich verstand. Ungerührt und standhaft wie er war, durfte ich ihn natürlich nicht begleiten. Neugierig kletterte ich bis zum Ausguck, ich glaubte bereits zu wissen, welcher Aststumpf der Täter gewesen war. Daran zu sehen war aber nichts.

Der Nachmittag wurde schlagartig langweilig. Keine Ahnung, warum ich ihn nicht einfach mit den anderen Pänz verbracht habe. Gut, meine Schwester wuselte sicher bei Yvonne und den Pferden herum. Timmi von nebenan war ein Spinner. Angeblich hatte er mal in einem leerstehenden Fachwerkhaus im Dorf einen Violine spielenden Geist gesehen oder vielmehr gehört. Außerdem galt er bei den Jungs als verrufener Intrigant, der dauernd irgendwelche Lügen über andere erfand und gerüchtehalber selbst „wie ein Mädchen pinkelt“: in der Hocke. Das kolportierten sogar die, die es nie gesehen hatten.

Die Brüder Heiner und Urs, Spitzname Golli, waren zeitweise mit den Brüdern Michi und Hans befreundet. Letztere waren zwei totale Oberdeppen. Unflätig, schlecht erzogen, aber von Haus aus recht begütert, weil der Vater Kohle, den hässlichsten BMW aller Zeiten und ein kleines Schwimmbecken im Keller sein eigen nannte. (Es sei erwähnt, dass ich selbstpersönlich dieses Becken einmal in Augenschein nehmen durfte. Seine Ausmaße entsprachen einem 10 Meter tiefen Schuhkarton.)

Womöglich herrschten zu der Zeit, als Niko gehen musste, daher Allianzen, die andere gesellschaftliche Kontakte eher erschwerten. Wie dem auch sei.

Zum Abend ging meine Familie zum Spielplatz. Muttern in 80er-Manier aufgedonnert, Schwestern kaum minder. Wir hörten die Dorfmusik bereits am Briefkasten, der bestimmt 100 Meter vom Platz entfernt war. Vor Ort genossen wir Grillgut und geschmackvolle Getränke. Meine Gedanken schweiften jedoch immer wieder ab zu Niko. Keiner wusste irgendwas Genaues, hatte ihn und seine Familie nur länger nicht gesehen. Zu seinem Haus, ein medizinisches Bulletin einzuholen, traute ich mich nicht, zumal es schien, als sei die Familie gar nicht da. Schließlich kam aber seine Mutter ins Zelt. Meine Mutter und ich gingen zu ihr und fragten, wie es Niko gehe. Die ewig streng dreinblickende Frau antwortete nicht eben glücklich, dass sie eben vom Krankenhaus kommt und genäht werden musste. Niko sei noch betäubt und liege in ihrem Bett (das Zimmer mit seinem Bruder zu teilen wollte sie ihm offenbar unter diesen Umständen nicht zumuten – ich erinnere an das Panzertape). Wir gingen mit der Mutter, schlichen leise ins Haus, das in jeder Ecke mehr nach Katze roch und sagten dem Schiffsjungen Hallo.

Niko duselte vor sich hin, ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt mitbekommen hat, dass wir da waren. Später trug er natürlich eine Supernarbe davon, mit der er vielleicht heute noch angibt.

Unsere Wege trennten sich übrigens, als ich merkte, im Gymnasium eine andere Welt zu finden als die, die ihm trotz Grips auf der Realschule geboten wurde. Stand auf einem bemalten Westerwälder Teller ein Spruch aus der Gegend, verstand Niko das „et“ als das, was es war: „es“. Ich begann dagegen darüber zu dozieren, wie amüsant es sei, dass dasselbe Wort im Lateinischen für „und, auch“ stünde.

Danach verbrachten wir nur noch wenig Zeit miteinander. Stattdessen führte ich die Juristen- und Lehrerkinder Heiner und Golli auf moralische Unwege. So errichteten wir im Wald vorschriftswidrige Baumhäuser, besorgten uns dazu extra professionelle Zimmermannshämmer, -nägel und anständige Fuchsschwänze. Mit dem Gerät bewaffnet schlichen wir uns aus den Häusern, nahmen stundenlange Umwege in Kauf, um auch ja jeden Verdacht ausräumen zu können, wir könnten etwas mit dem dreistöckigen(!) Gebäude zu schaffen haben! Wir fällten harzumflorte Bäume, entästeten sie, hievten sie nach oben, bedienten uns drei Meter über dem Boden der Blockbauweise. Ich möchte heute nicht wissen, was die Waldarbeiter geflucht haben, als dieser Wirtschaftswald reif für die Sägemühle war. Dagegen weiß ich aber, wie angenehm die Waldfrische nach einem Landregen doch der in Nase zu kitzeln vermag.

Und wofür das alles? Nur um zu erfahren, dass ein Genosse vom Gymnasium wie Heiner charakterlich alles andere als mit Niko mithalten konnte. Es war ein freundschaftlicher Rückschritt, weil Heiner ein Verräter war, ein unterdrücktes Kind. Immer hatte ich den Eindruck, dass er sadistische Fantasien hatte, die er hoffentlich nie auslebte.

Ich dagegen hatte mehr Spaß daran, Abenteuergeschichten nachzuspielen oder dem Traum nachzuhängen, eines Tages wie die Jungs im „Schatten der Eule“ auszubüxen und allein im Wald zu hausen. Das ging so weit, dass wir drei einen bestimmten Wald damit in Verruf bringen wollte, es gäbe dort Gespenster. Vor allem kleinere Dorfkinder konnten wir fernhalten, indem wir ihnen von einem Geist erzählten, der dort hauste und dem wir vorgeblich begegnet waren. Dabei waren wir es selbst, die am frühen Abend Äste gegen Bäume schlugen und mit verstellten Stimmen riefen: „Ich bin der schaurige Chopper!“ Der ein oder andere mag sich an den Geist aus der Zahnarztpraxis erinnern, von dem ich in einer Illustrierten meiner Oma gelesen hatte.

Tja, den Chopper gibt es nicht mehr. Weder in der Praxis noch im Wald. Und auch Niko ist nicht mehr in dem Dorf. Schon vor Jahren zog die Familie weiter, der Bungalow ist heute abgerissen.