Muffy: In jedem von uns steckt die Kraft weiterzumachen

Länger als erwartet dauerte es, bis ich das zweite Interview auf die Beine bekommen habe. Mein heutiger Gast ist Muffy. Das heißt, eigentlich ist sie eher Gastgeberin, weil der Ort ihre Idee war. Ich treffe sie auf Schloss Clemenswerth. Das barocke Jagdschlösschen steht inmitten eines sternförmig angelegten Parks. In alle Himmelsrichtungen gehen breite Wiesen und Wege ab. Hier konnte der Kurfürst vom Schloss aus bequem das Wild schießen, das seine Untergebenen in die Schussbahnen trieben. Muffy steht mit ihrem getunten Rollator und wartet schon auf mich.

Doc: Hallo, Muffy! Das war ja etwas versteckt hier. Zum Glück hab ichs trotzdem gefunden.

Muffy: Hallo Doc! Versteckt und doch inmitten dieses Ortes im Emsland.

Entschuldige, dass ich mit dem Offensichtlichsten beginne, aber man kann es nicht ignorieren. Du hattest früher eine eigene Firma, gingst Golf spielen. Heute bist du wegen einer schweren Krankheit an den Rollator gebunden, zeigst ihm aber, wer der Boss ist. Du scheinst trotzdem ein echtes Stehaufmännchen (oder -weibchen) zu sein – woher nimmst du die Kraft?

Das Leben mit dem Erfolg, die Jagd nach Geld und Ruhm haben mich ein Stück weit zu diesem Gefährt gebracht. Ein Leben auf der Überholspur. Manchmal reicht die Kraft nicht aus, diesen Standard zu halten, dann zieht der Körper die Notbremse, manchmal macht er das für immer … Die Kraft, um weiterzumachen? Die steckt in jedem von uns, wir müssen sie nur zulassen und sie finden, falls sie allzusehr versteckt ist. Der Rollator ist kein Feind, sondern er macht es mir möglich, heute hier zu sein. Er hilft und verbindet mich mit anderen.

Also sozusagen die Notbremse für die Notbremse.

Ich habe mich so lange überfordert, bis ich die Quittung dafür bekommen habe. Erst wenn man nicht mehr gesund ist, weiß man, was fehlt. Als ich vieles in meinem Leben völlig verändert hatte, war es ein kleiner Keim, der mich komplett aus der Bahn geworfen hat. Besser also vorher mal die Notbremse ziehen.

Wir bekommen einen Teil einer kleinen Führung mit und erfahren etwas über den Spleen des ehemaligen Jagdherrn Clemens August. Dieser hatte nämlich den Mopsorden gegründet (kein Witz! Es gab sogar Mopslogen!). Während der Führung müssen wir immer wieder kleine Pausen einlegen.

Was bedeutet dir Mobilität? Hat sie heute einen anderen Wert für dich als früher?

Mobil sein ist frei sein und vor allem in der Entscheidung, etwas zu tun oder zu lassen.
Als ich noch gesund war, habe ich mir keine Gedanken gemacht – wie wir alle dachte ich, so etwas kann dir doch nicht passieren. Aber das ist trügerisch, dennoch würde ich mich wie damals verhalten, ohne an so eine Krankheit zu denken, weil man sonst das Leben nicht in vollen Zügen genießen kann.

Die Krankheit als eine Art Bewusstmachung, um den Begriff mal bei Dutschke zu entlehnen? In dieser Sicht wäre sie ein natürliches Mittel zur Erdung, mit dem wir wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht werden würden. Glaubst du an Schicksal?

Schicksal? Hmm, nun ja. Es gibt Menschen, die wir treffen müssen. Dinge, die wir tun müssen, und Orte, an denen wir gewesen sind. Und wenn wir nicht ordentlich mit uns umgehen, dann verändern wir unser Schicksal eben, besonders ohne es zu wollen. Das Ganze hat aber nichts mit der „Esoterik-Welle“ heutzutage zu tun. Das ist ein zu langes Thema.

Was immer das Schicksal mit dir vorhat: Du siehst trotzdem zu, dass du auch weiter in Bewegung bleibst. Sogar indem du dir einen neuen Hund anschaffst. Oder – um genauer zu sein – einen alten, kranken Hund, der aber sicher auch Bewegung braucht. Was gibt es dir, für ihn zu sorgen?

In der Auseinandersetzung mit der neuen Lebenssituation habe ich erkannt, dass mir ein Hund wirklich fehlt, meine Luna ist während meines Krankenhausaufenthaltes verstorben. Einen jungen Welpen kann ich nicht mehr erziehen, da bot sich ein Hund an, den keiner mehr wollte. Alt, nicht so hübsch und so froh, wieder in einem Wohnzimmer liegen zu dürfen mit dem eigenen Rudel, und den Lebensabend hier zu verbringen. Als er kam, war er 13, jetzt wird er 14 Jahre alt – biblisch für einen so großen Hund (70 cm Schulterhöhe). Ich wollte auch nicht andere bewundernd ansehen, sondern selber einem Tier in Not ein Heim geben.

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Falco – lustiger Methusalem auf vier Beinen

Neulich habe ich folgenden Satz gelesen: „Kohle gibt es genug auf der Welt, Freunde nicht.“ – Kannst du das bestätigen?

Ganz bestimmt. Wie es mir heute geht, habe ich auch meinen Freunden zu verdanken. Menschen, die mich bestärkt haben, die mich schätzen, auch wenn ich mich optisch sehr verändert habe mit dem Cushing-Syndrom. Die sich nicht von mir abgewendet haben und mir zur Seite stehen.

Wir kommen an einem kleinen Kräutergarten vorbei. Muffy überrascht mich damit, dass sie nicht nur jedes einzelnes Kraut kennt, sondern auch noch sagen kann, bei welchen Zipperlein was wirkt.

Du scheinst ja fast eine Kräuterhexe zu sein. Kommt das vom Kochen?

So fing das einmal an. Von den Küchenkräutern zur Volksheilkunde, übrigens ein schlimmes Wort für die Mittel, die man zu sich nehmen kann und die kleinere Übel auch lindern. Ich bin so gar nicht „grün“, aber ich versuche mein Leben und meine Umgebung in einen Konsens und Einklang zu bringen, aber nicht mit einer Religion oder Glaubensrichtung, nur mit etwas gesundem Menschenverstand.

Wie wichtig ist dir denn kochen in deinem Leben? Wichtiger als essen?

Ja! Kochen ist das Einzige, worin ich mich täglich versuche. Mein Tagesziel Nummer 1 ist: aufstehen, klingt das banal? Das ist verflucht schwer und schmerzhaft. Dazu gehört auch, sich zu pflegen und zu hegen. Danach kommt das Kochen. Auch wenn es sehr anstrengend ist – kommt dabei der perfekte Geschmack, die tollste Kombination und die schönste Optik heraus, dann erlebe ich einen winzigen Moment des Triumpfes und ein klitzekleines Stückchen Glück. Wenn ich dann noch Lob oder ein Kompliment bekomme, macht mir das unglaublich viel Vergnügen.

Kochen als Glück, ja ich glaube, das kann ich nachvollziehen. Vermutlich wird das Kreative, das Künstlerische beim Kochen viel zu sehr unterschätzt, was meinst du?

Leider ja. Es ist nicht nur Essen zu kochen, es kann Kunst sein und in jedem Fall sinnlich, ein Genuss. Ein Gericht, mit Liebe zubereitet, schmeckt immer besser als ne Tüte aufgerissen und den Inhalt in kochendes Wasser gekippt.

Du siehst mich grinsen – ich essen gern. Beim Grinsen fällt mir noch etwas ein, was ich dich schon seit Jahren fragen wollte: Warum kannst du Smileys nicht leiden?

Oh, das ist Kult! *lach* Weil alle immerzu Smileys machen und damit herumwerfen, als hätten sie keine Bedeutung, wollte ich sie immer indirekt dazu bringen, die mal etwas sparsamer zu verwenden. Na ja und außerdem kenne ich sie seit meiner Kindheit in Amerika, da konnte ich ihnen wirklich keine besondere Bedeutung beimessen, das hat sich so gehalten.

Dabei sind Smileys ja auch eine Art künstlerisches Piktogramm. Ähnlich übrigens wie manche Tätowierungen. Apropos: Ein Engel hat mir verraten, dass du tätowiert bist. Ich kenn den Spruch „Zeigst du mir deine, zeig ich dir meine“, kann aber als Untätowierter nicht mithalten und werde deine Tätowierungen wohl nicht sehen. Verrat mir aber bitte: Wie bist du darauf gekommen, dich tätowieren zu lassen? Wie war das beim ersten Mal?

Der Wunsch war immer da. Aber das Motiv hat mir viele Jahre gefehlt.

Das kenn ich. (Lacht)

In einem Urlaub ist mir mein Motiv dann zugeflogen? Nein, in Wirklichkeit ist es auf mir herumgekrabbelt. In einem Bungalow auf Formentera hatte ich jede Nacht eine Horde wilder Ameisen in meinem Bett, sie kamen wegen meines etwas ungewöhnlichen Stoffwechsels und haben nur mich gequält. Ich wollte Krieg, aber sie hatten doch Recht. Sie waren nicht schmutzig, sie waren fleißig, sozial, organisiert und überlebensfähig, so hatte ich mein Motiv. Wer sagt, dass tätowieren nicht weh tut, der schwindelt. Aber es gibt so viel schlimmere Schmerzen und es ist in Ordnung. Man sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, das man das für immer hat und dann muss das Motiv und der Grund stimmig sein.

Genau deshalb kann ich mich nicht dazu durchringen. Ich habe nie ein Motiv gefunden, bei dem ich mir sicher gewesen wäre, dass ich es auch noch in 10, 20 oder 30 Jahren mögen würde. Aber zurück zu deinen Tattoos: Geht es dir bei diesem Körperschmuck auch um Erotik?

Auch wenn die Stelle mit der „Ameisenstraße“ doch pikant ist, war das nicht der Grund.

„Pikant?“ Da frag ich lieber nicht weiter. (Lacht)

(Lacht mit.) Ja. Aber eine kleine Ameise ist direkt unter meinem rechten Knöchel und bewacht sozusagen eine Narbe von einem Sportunfall. Aber die Straße wollte ich sehen ohne sie immer anderen zu zeigen. Meistens vergesse ich diese Bilder auf mir, aber wenn ich sie sehe, freue ich mich und bin froh das gemacht zu haben, denn es ist ein Teil von mir und meiner Entwicklung. Ich glaube schon, dass es sehr verlockend ist, den Ameisen nachzugehen.

Erotik ist ja insgesamt ein weites Feld. Hat Erotik und Sex für dich etwas mit Grips zu tun?

Unbedingt! Eigentlich sollte man ja nicht so etwas wiederholen aber der Spruch: „Dumm …“ ist Blödsinn.

Stimmt. Ich denke gern daran, dass Bellona mir diesen Satz mal ergänzte mit „Schlau fickt besser.“ (Lacht.)

(Lacht.) Ja! Sex wird viel spannender, wenn zwei Menschen ihre Fantasie spielen lassen und immer neue Elemente ausprobieren oder einbringen – je nachdem was beiden gefällt. Ohne Intelligenz macht mir Sex keinen Spaß. Und ein intelligenter Mann ist auch wesentlich aufmerksamer, was meine Wünsche betrifft, denn er weiß, das bringt auch ihm Vergnügen …

Für Männer kann es ja durchaus eine Art Abzeichen sein, Köpfchen zu haben. Dagegen habe ich den Eindruck, dass das bei Frauen immer noch etwas ungern gesehen wird. Ich darf mir das Kompliment erlauben, dass du sehr wohl Grips hast. War das für dich eher ein Hindernis oder ein Vorteil?

Nicht so gut. Es gab und gibt immer Stress, wenn Frauen zu intelligent sind. Nicht mit Männern, die auch klug sind, nur mit Männern die es nicht sind (gilt auch für Frauen). Dabei muss es nicht dazu kommen, dass sie unterlegen sind, weniger kompetent reicht schon aus für viel Ärger im Job oder im Privatleben. Manchmal verstecke ich es, meistens aber nicht gut genug. Ich hab mal das Vergnügen gehabt, einem Prof. Dr. Dr. auf seinem Fachgebiet 10 Logikfehler nachzuweisen. Das war schon wichtig, weil ein Kunde doch nur das richtige bekommen soll, leider hat das auch zur Kündigung meines Vertrages geführt. Manche Leute können das leider nicht ertragen …

Wir genießen noch ein wenig die Sonne im Park und beschließen dann, noch in ein nahegelegenes Café einzukehren und den Tag ausklingen zu lassen.

Liebe Muffy, ich danke dir schon mal für das schöne Interview an diesem wunderbaren Ort. Lass uns mal schauen, was es hier Leckeres gibt.

Lieber Doc, das waren wilde, aber kluge Fragen. Ich hab mich bemüht, sie ehrlich zu beantworten, aber wie immer gestehe ich: Ich könnte mich endlos weiter mit Dir unterhalten. Vielen Dank für den angenehmen Tag! Und glaub mir, sie haben wunderbaren Kuchen.

Hier geht’s zu allen Interviews.

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27 Gedanken zu “Muffy: In jedem von uns steckt die Kraft weiterzumachen

  1. Und wieder ein wunderbares Interview! Auch wenn ich Muffy noch nicht persönlich kennenlernen konnte, kam mir doch bei vielen der Antworten ein „ja, so ist sie“ in den Sinn.
    Komisch, was Bloggen bewirken kann, man kennt Leute die man gar nicht kennt.

    1. Stimmt, man lernt Leute anders kennen, aber nicht unbedingt schlechter. 😉

      du stehst grundsätzlich übrigens auch noch auf der liste der interviewpartner, aber das wird vermutlich noch etwas dauern. als nächstes opfer wollte ich erst mal lilith anpeilen. 😉

        1. boah, die süße phantom-taste!!!

          das ist ja genial dich hier zu lesen
          lass dich umhuggen
          wann habe ich das vergnügen deiner gesellschaft hier im norden? ich würde mich freuen, mein gästezimmer mit dir zu füllen *kicher*

  2. Meistens vergesse ich diese Bilder auf mir, aber wenn ich sie sehe, freue ich mich und bin froh das gemacht zu haben, denn es ist ein Teil von mir und meiner Entwicklung….

    das kann ich so unterschreiben…

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