Wort zu Ostern

Auch ist es überflüssige Banalität, zu wiederholen, die Massen bedürften einer Religion. […] Wenn es möglich wäre, die Massen zu bewegen, den Atheismus anzunehmen, so würde er ganz zum unduldsamen Eifer eines religiösen Gefühls und in seinen äußeren Formen bald zu einem Kultus werden.

Gustave Le Bon

Die Massen und die Eindrücke, die auf sie wirken

Alles was die Phantasie der Massen erregt, erscheint in der Form eines packenden, klaren Bildes, das frei ist von jedem Deutungszubehör und nur durch einige wunderbare Tatsachen gestützt: einen großen Sieg, ein großes Wunder, ein großes Verbrechen, eine große Hoffnung. Sie pflegt die Dinge in Bausch und Bogen aufzunehmen und ohne jemals ihre Entwicklung zu beachten. Hundert kleine Verbrechen oder hundert kleine Unfälle werden auf die Phantasie der Massen oft nicht die geringste Wirkung ausüben; wohl aber wird sie durch ein einziges unerhörtes Verbrechen, ein einziges großes Unglück tief erschüttert, wenn es auch weniger blutig ist als die hundert Unfällen zusammengenommen. Die große Grippe-Epidemie, an der vor einigen Jahren in Paris fünftausend Menschen innerhalb weniger Wochen starben, machte auf die Volksphantasie wenig Eindruck. Freilich wandelte sich diese Hekatombe im wahrsten Sinne nicht in einige sichtbare Bilder, sondern nur in die täglichen statistischen Berichte um. Ein Unglücksfall, der statt fünftausend nur fünfhundert Menschenleben kostet, aber an einem einzigen Tage, auf einem öffentlichen Platz, in einem sichtbaren Geschehnis einträte z. B. der Sturz des Eiffelturms, würde einen ungeheuren Eindruck auf die Einbildungskraft haben. […] Also nicht die Tatsachen als solche erregen die Volksphantasie, sondern die Art und Weise, wie sie sich vollziehen.

Gustave Le Bon

Ich habe es schon einmal erwähnt, möchte aber bei diesem Zitat explizit darauf hinweisen: Der Text, aus dem ich von Le Bon so fleißig zitiere, ist im Jahre 1895 erschienen.