Warum ich auf meinem Schreibtisch Fußballaufkleber liegen habe

Keine Ahnung, wer von euch sich schon mal Gedanken darüber gemacht hat, warum wir Dinge wie tun. Eine Gruppe von Ritualdesignern hat aber mal beobachtet und überlegt, wofür dieser ganze moderne Hokuspokus gut ist, mit dem wir leergenudelte Fernsehbedienungen malträtieren, mit dem hochgehaltenen Handy wie mit einer Antenne spazieren gehen, um besseren Empfang zu bekommen, während des Telefonats seltsame Tänze aufführen oder mit einem Wackelrüttler an der Maus den Rechner aus dem Tiefschlaf wecken. Viel Spaß beim Stöbern und bei der Lektüre: http://curiousrituals.wordpress.com

Strike!

Schadenfreude ist eindeutig dann am schönsten, wenn es die Richtigen trifft. So wie eben den Idioten am Hauptbahnhof. Übertriebenes Hemd, enge Röhrenhose, Haare wie weiland zu Guttenburg geschmiert, iPhone-Kopfhörer in den Ohren. In diesem Outfit tänzelt Mr. Obercool mit weiten Schritten durch den Hauptbahnhof in Richtung U-Bahn-Gleise. Dazu schleudert er großräumig sein Kackschlüsselband links und rechts neben sich und nervt offensichtlich alle Passanten. Er schlägt einen Haken nach links, strauchelt irgendwie im Versuch, schnell zur Treppe abwärts zu hopsen. Dabei fällt ihm doppelklackernd etwas herunter. Erst seh ich es nicht, dann fällt es mir auf, noch bevor ihm selbst auffällt, dass er etwas verloren hat: seine Brille, die er offenbar im stylischen Hemd getragen hat. Er dreht sich zu den Augengläsern, die keinen Sonnenschutz liefern, sondern eine Fehlsichtigkeit korrigieren sollen, er bückt sich, das iPhone lugt bedenklich aus der Hemdtasche. Er hebt die Brille auf, da ergießt sich ein Strom der ankommenden Bahnfahrer ihm entgegen. Beim Aufheben merkt er, dass sogar ein Glas aus der Brille gefallen war. Er sucht das Glas, umzingelt von Horden, die ihn nicht als Mr. Obercool kennen, sondern als Trottel, der im Weg steht.

Spätestens jetzt, ich geb’s zu, muss ich grinsen. Bevor ihm bei der Bückaktion auch noch das iPhone auf die Kacheln klatscht oder jemand auf sein Brillenglas trampelt, bin ich auch schon weiter. Und schadenfreudig zufrieden.

Leseempfehlung

Die psychologischen Effekte der Monotonie fallen bekanntlich recht disparat aus. Manch einer gibt sich dem Immergleichen freudig hin, wirft alle irdischen Güter von sich, trampt nach Tibet, besteigt einen Berg und bezieht eine spartanische Kammer in einem Kloster, wo niemand mit niemandem spricht, um an den segensreichen Wirkungen der Monotonie seelisch beziehungsweise spirituell zu gesunden; andere sitzen in Einzelhaft und verlieren beim Anblick der Zellenwand den Verstand. Ich weiß nicht genau, wo jetzt die Arbeit des Museumswärters zu verorten ist, aber ich habe Hinweise gefunden, dass wenige den Job der Erleuchtung wegen ausüben; und der irre gewordene Museumswärter ist nach meinen Recherchen vermutlich auch keine Erfindung der Literatur. Einen ersten Hinweis lieferte die unverblümte Ansage eines erfahrenen Wärters: „Drei Wochen, und die Arbeit schlägt Ihnen aufs Gemüt.“ Man frage sich dann beispielshalber, ob das Bild, vor dem man seit Wochen steht, über Nacht umgearbeitet worden wäre. Zweitens: Ich habe von einer britischen Umfrage unter Museumswachleuten gelesen, nach der 21 Prozent der Befragten bisweilen versucht gewesen seien, ein Kunstwerk zu zertrümmern oder ein Porträt nachträglich mit einem Schnurrbart zu versehen.

Den ganzen Text gibt es hier.